Porträt: Alexis Tsipras

Globalisierungsbewegung und der damals unbedeutenden Linkspartei Syriza.

Porträt: Alexis Tsipras
Stephanie Lecocq Porträt: Alexis Tsipras

Im Sommer 2001 führte sein Engagement Tsipras mitten in die gewalttätigen Demonstrationen gegen den G8-Gipfel im italienischen Genua - eine britische Zeitung hat jetzt die Bilder ausgegraben, die den jungen Griechen am Rande von Auseinandersetzungen mit dutzenden italienischen Polizisten zeigen. Bei den schweren Zusammenstößen gab es damals Hunderte Verletzte, ein Demonstrant wurde erschossen.

Der Weg von den Straßen Genuas in den Athener Regierungssitz ist das politische Meisterstück des heute 40-Jährigen. Die Wirbel und  Stürme der griechischen Finanzkrise brachten Tsipras dahin, wo ihn niemand erwartet hatte: Er beendete im Januar den ewig scheinenden Regierungsreigen zwischen Konservativen und Sozialisten in Griechenland.

Unter Tsipras' Führung erlebte das Bündnis der Radikalen Linken (Syriza) einen fulminanten Aufstieg - von 4,6 Prozent im Jahr 2009 auf 26,9 Prozent 2012. Am 25. Januar gewann er die Wahlen klar mit 36,3 Prozent der Stimmen.

Viele Griechen hatten die Versprechungen der alten Regierungsparteien satt. Sie führten mit ihrer Vetternwirtschaft das Land an den Abgrund. Tsipras - kein Teil der alten Machtelite - schien einen neuen Weg zu eröffnen. Der Vater zweier Kinder lebt mit seiner Lebensgefährtin in Kypseli, einem Athener Arbeiter- und Angestelltenviertel. Selten sieht man das Paar zusammen. Peristera Baziana ist politisch aktiv, bleibt aber fast immer im Hintergrund.

Seit Januar definieren Tsipras und seine Mitarbeiter die griechische Politik. Einer kleinen Gruppe von etwa sieben Vertrauten wird großer Einfluss zugeschrieben - dazu gehören sein politischer Mentor, Alekos Flambouraris, und der Jugendfreund Nikos Pappas. Beide sind Staatsminister. Finanzministers Gianis Varoufakis, dessen flamboyantes Auftreten bei den europäischen Partnern für Unmut sorgt, ist dagegen nach übereinstimmenden Berichten der Athener Presse nicht mehr im engsten Kreis zu finden.

Tsipras bleibt vielen ein Rätsel. «Er hat viele Gesichter. Ich kann ihn nicht einstufen. Ein sogenanntes Janus-Gesicht», sagt ein erfahrener Psychologe aus der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki. Tsipras wirkt höflich, ein doppeldeutiges Lächeln, dann kommt plötzlich ein kämpferischer Spruch, mit geballter Faust will er gegen den Neoliberalismus kämpfen, der sein Land in die Misere geführt hat.

Nun hat der Hoffnungsträger der griechischen Linken kein Geld und auch keine Zeit mehr. Doch in die Ecke drängen lassen will sich der Regierungschef nicht: «Unterschätzen Sie nicht, was ein Volk machen kann, wenn es sich erniedrigt fühlt», sagte er nach Angaben seiner Mitarbeiter am Freitag, nachdem EU-Ratspräsident Donald Tusk erklärt hatte, Griechenland müsse jetzt nachgeben und das Sparprogramm der Gläubiger akzeptieren - das Spiel sei vorbei, «game over».

Tsipras muss aber neben dem schweren Sack mit Sparmaßnahmen eine Hoffnung mit nach Hause nehmen. Deshalb verlangt er klare Zusagen der Gläubiger, die griechischen Schulden neu zu strukturieren und für Investitionen in seiner Heimat zu sorgen. Nur mit solchen Zusagen kann er vor seiner Partei auftreten, sie überreden, dem Sparprogramm zuzustimmen. Klappt das nicht, könnte es in Griechenland dramatische Entwicklungen geben. Neuwahlen oder eine Volksabstimmung sind im Gespräch.

Innenpolitisch hat der Syriza-Chef seit seinem Wahlsieg im Januar kaum etwas bewirkt. Jeder Vierte ist in Griechenland ohne Job, die Einnahmen des Staates schrumpfen, Wachstum ist nicht in Sicht. Griechenland scheint wie erstarrt, viele Menschen warten darauf, was geschehen wird. Nach und nach plündern die Bürger ihre Konten.

Doch Tsipras versteht es, das Volk auf seine Seite zu ziehen. «Wer hat die Frechheit zu verlangen, dass Tausende Griechen frieren müssen», sagte er immer wieder im Parlament, als Vertreter der internationalen Geldgeber die von seiner Regierung im Alleingang beschlossenen Hilfen von 200 Millionen Euro für mittellose Menschen kritisierten.

Tsipras läuft Gefahr, der erste Regierungschef der griechischen Post-Euro-Ära zu werden. Die Schuldigen dafür hat er schon genannt: konservative Kräfte, die in den Entscheidungszentren säßen und seine Regierung finanziell gängelten, damit der Erfolg seiner Syriza-Linkspartei nicht in andere EU-Staaten überschwappe.