Auch ein milder Winter kann Insekten schaden

Ein warmer Winter wie in diesem Jahr bedeutet nicht zwangsläufig eine besonders hohe Zahl von Schadinsekten. «Ein milder und feuchter Winter ist für viele Insekten meist fataler als Kälte», sagte Gerlinde Nachtigall vom Julius-Kühn-Instituts (JKI) in Braunschweig.

Auch ein milder Winter kann Insekten schaden
Christoph Schmidt Auch ein milder Winter kann Insekten schaden

«Vor allem ein wiederholter Temperaturwechsel kann für die Tiere gefährlich werden, da sie in diesem Stress ihre Kälteanpassung häufig vorschnell aufgeben.»

Probleme für die Landwirtschaft könne es allerdings mit Blattläusen geben. «Wenn es nicht friert, überleben die erwachsenen Blattläuse des Vorjahres.» Sie vermehren sich dann laut Nachtigall ungeschlechtlich und gebären lebende Junge. Das könne schon im Februar passieren. Normalerweise produziert eine Fortpflanzungsgeneration im Herbst befruchtete Eier, die den Winter überstehen.

Wegen der raschen Entwicklung von Insekten wie Blattläusen oder Mücken innerhalb weniger Tage entscheide letztlich aber erst das Wetter im Frühjahr, ob es besonders große Vorkommen geben werde.

Eisige Kälte mache vielen Insekten nichts aus. «Ein feuchter Herbst und ein feuchtes Frühjahr verbunden mit einem nicht zu kalten Winter sind viel bedeutendere Faktoren, um Insektenpopulationen zu dezimieren», sagte Nachtigall. Pilze, die Insekten befallen, könnten sich dann gut entwickeln. Heimische Insekten, Milben und Spinnen seien gut an strenge Winter angepasst, betonte Nachtigall. «Die Tiere befinden sich mit Einbruch des Winters in einem Überwinterungsstadium und können so niedrige Temperaturen über lange Zeit ertragen.»

Sie suchten sich spezielle Lebensräume oder bildeten Ruhestadien, in denen der Stoffwechsel stark reduziert werde. So könnten bestimmte Blattwespen bis zu sechs Jahre überdauern. Die Rosskastanien-Miniermotten könnten in ihrem Kokon Temperaturen bis minus 25 Grad widerstehen. Manche Insekten schützten sich vor Erfrieren durch eine starke Erhöhung der Konzentration etwa von Zucker oder Salz im Blut, erklärte Nachtigall weiter. Das senkt die Gefrierschwelle. So könnten die Larven und Puppen mancher Arten Temperaturen von bis zu minus 70 Grad Celsius trotzen.

Gute Überlebensmöglichkeit biete der milde Winter jedoch wärmeliebenden Insekten wie den aus dem Süden eingewanderten Eichenprozessionsspinnern, erklärte die Biologin. Der Nachtfalter wird wegen der giftigen Brennhaare im Raupenstadium gefürchtet. Außer der Temperatur trügen jedoch noch weitere Faktoren wie die phasenweise Massenvermehrung zu der Ausbreitung des Falters bei.

Die Landwirte haben in diesem Jahr noch wenig von den geflügelten Plagegeistern gesehen. «Was uns große Sorgen macht, sind die Mäuse», sagte Gabi von der Brelie vom Landvolk. «Auf Äckern, auf Wiesen und im Wald nagen sie die Pflanzen von unten an.»

Nagetiere hätten in der Regel mehrere Würfe im Jahr, erklärte JKI-Sprecherin Nachtigall. Die Jungtiere wachsen schnell heran. Selbst wenn es durch einen ungünstigen Winter mit mehrfachem Wechsel von Frost und Tauwetter zu einer höheren Todesrate komme, könne der Populationsverlust daher schnell wieder ausgeglichen werden.