Auf dem See wandeln: Christos «Floating Piers» begeistern

Als Christo plötzlich auf einem Boot im Iseo-See auftaucht, brandet auf den gelben Stegen Applaus auf. Tausende Menschen, die eben noch über die «Floating Piers» spazierten, bleiben stehen.

Auf dem See wandeln: Christos «Floating Piers» begeistern
Michael Kappeler Auf dem See wandeln: Christos «Floating Piers» begeistern

Sie klatschen leise, fast ehrfürchtig, angesichts des faszinierenden Meisterwerks, das der 81-jährige Verhüllungskünstler in monatelanger akribischer Detailarbeit in dem Gewässer installiert hat. «Es ist, wie auf einem Sonnenstrahl zu wandeln», schwärmt Petra aus Berlin. Mal dahliengelb, mal ockerfarben, dann wieder tief orange schimmert der auf 220 000 Schwimmkörper gespannte Stoff. «So weich!», «Genial!», «Magisch!» - die Stimmen, die auf den Stegen zu hören sind, überschlagen sich vor Begeisterung.

«Ich hätte es mir stabiler vorgestellt, aber das Ganze bewegt sich, und man spürt wirklich die Wellen im Gehen», sagt Felix, der vom Chiemsee aus angereist ist. Tim aus dem englischen Oxford geht noch weiter und spricht von einer «fast biblischen Menschenmenge, die über Wasser schreitet». Die Installation sei nicht nur so ausgetüftelt, dass die Wellenbewegungen im ganzen Körper zu spüren seien, sie sei auch «visually marvelous» - optisch sagenhaft, ergänzt seine Begleiterin Araminta.

Wie viele andere an diesem Samstag sind auch die Briten langjährige Christo-Fans. Aber nicht nur die Anhänger des gebürtigen Bulgaren sind angesichts seines neuesten Wurfs hingerissen. Vielleicht ist es die Mischung, die dieses Projekt so einzigartig macht: Hier trifft italienische Bilderbuchidylle - kleine Straßencafés, bunte Häuschen, weiße Segel vor blauem Wasser und wild bewachsenen Bergen - auf moderne Kunst, die wie Lichtstrahlen drei Kilometer lang den See durchzieht.

«Es wird sich anfühlen, als würde man auf dem Rücken eines Wals spazierengehen», hatte Christo seine Idee beschrieben, lange bevor die Stege zusammengeschraubt und mit 190 Ankern von Tauchern auf dem Grund des Sees befestigt worden waren. Tatsächlich ist das Gefühl fast mit nichts vergleichbar, was Menschen sonst im oder auf dem Wasser erleben. «Ich möchte, dass die Menschen die Stege mit allen Sinnen genießen», sagte Christo am Tag vor der Eröffnung. Am besten barfuß, empfahl er - und viele folgten dem Rat des Maestro.

Die Stege führen vom Örtchen Sulzano auf dem Festland zunächst zur Monte Isola, der größten Insel in einem südeuropäischen Binnengewässer, und von dort zu dem kleineren Eiland San Paolo, die Privateigentum der Waffenherstellerdynastie Beretta ist.

«Es ist das allererste Mal, dass wir das Festland über eine Brücke erreichen können», sagt Signora Luciana, die auf der Monte Isola ein Geschäft mit an Fischernetzen inspirierter Handwerkskunst betreibt. «Schade, dass die Stege bald wieder weg sind, da könnten wir uns dran gewöhnen», lächelt sie und schaut sich fröhlich in ihrem prall mit Einkäufern gefüllten Laden um. Dabei seien viele Bewohner der Insel zunächst skeptisch gewesen, meint Bürgermeister Fiorello Turla. «Aber jetzt bestaunen sie das Kunstwerk mit offenem Mund.»

Für viele in der Region hat sich Christos Projekt bereits als Goldgrube erwiesen, hat er doch das Interesse der Weltöffentlichkeit plötzlich auf den Iseo-See gelenkt. Lange stand der im Schatten der bekannteren norditalienischen Gewässer wie dem Gardasee oder dem Comer See. Dem Tourismus in Sulzano, dem nahe liegenden Iseo und den anderen Örtchen am Seeufer werden die «Floating Piers» nun wohl auch lange nach ihrem Abbau am 3. Juli noch größere Einnahmen bringen.

Christo, der die meiste Zeit seines Lebens mit seiner 2009 gestorbenen Frau Jeanne-Claude zusammengearbeitet hat, hat auch die schwimmenden Stege wieder aus eigener Tasche finanziert - wie bereits seine anderen unvergesslichen Werke, den verhüllten Reichstag in Berlin 1995 etwa oder die verhüllte Pont Neuf in Paris 1985. Er finanziert die kurzlebigen Installationen vor allem aus dem Verkauf von Skizzen und Bildern, an denen er in den vergangenen Monaten unermüdlich in New York gearbeitet hat, sowie aus dem Recycling der verwendeten Materialien.

Die «Floating Piers» kosten keinen Eintritt, sie sind rund um die Uhr gratis begehbar. Am Montag steht der nächste Vollmond an, vielen nächtlichen Besuchern ist damit noch ein besonderer atmosphärischer Leckerbissen garantiert.

Derweil verteilen Christos Mitarbeiter auf den Stegen kleine Stücke des gelben Stoffs, als Souvenir und Erinnerung an dieses besondere Kunstevent. Unter ihnen ist Matthias Osthaus, der seit einer Woche bei dem Projekt mithilft. «Wie alle Leute aus dem Team werde ich dafür bezahlt, das ist bei Christo so üblich», sagt der Berliner, der die beeindruckenden Großprojekte des Künstlers schon lange mit Interesse verfolgt. «Für mich ist hier ein Traum wahr geworden, sowas erlebt man wohl nur einmal», erklärt er bewegt. «Christo baut die Stege nach 16 Tagen wieder ab, aber in uns leben sie weiter.»