Bahnfahrer stranden: «Es fährt nichts, komplett nichts»

Nichts geht mehr am Kölner Hauptbahnhof. Hunderte Menschen drängen sich in der Eingangshalle, von Minute zu Minute werden es mehr. Bange Blicke auf die Anzeigetafeln.

Bahnfahrer stranden: «Es fährt nichts, komplett nichts»
Marius Becker Bahnfahrer stranden: «Es fährt nichts, komplett nichts»

Neben den Abfahrtzeiten rollen weiße Balken mit Warnhinweisen über die Bildschirme. Keine guten Zeichen für die Reisenden: «Zug endet hier», «Zug fährt später», «Zug fällt aus», heißt es da monoton und gleichmütig.

Sturmtief «Niklas» zog über Nordrhein-Westfalen hinweg, beschädigte Gleise und Oberleitungen, brachte die Fahrpläne der Bahn durcheinander und die Hotline zum Glühen. Schließlich kapitulierte die Deutsche Bahn und stellte den Nahverkehr im Pendlerland Nordrhein-Westfalen für den kompletten Tag ein.

Glück hatten nur Fahrgäste einzelner Fernverbindungen und Reisende in den privat betriebenen Zügen. Die anderen konnten nur mit Taxis, Mietwagen oder Bussen an ihr Ziel gelangen.

Gelassen gibt sich eine 57-jährige Frau am Kölner Hauptbahnhof. Dem Unwetter begegnet sie mit Sarkasmus: «Ich habe ein NRW-SchönerTagTicket gebucht, es sollte eigentlich ein schöner Tag werden», sagt sie und nippt an ihrer Tasse. Ihre Fahrt nach Gütersloh falle nun wohl ins Wasser. «Immerhin habe ich keinen Geschäftstermin. Nur der tibetische Masseur, der geht uns jetzt durch die Lappen.» Ihre 56 Jahre alte Begleiterin entscheidet: Die beiden Frauen aus Köln kehren um, zurück nach Hause. «Einen Bus würde ich bei dem Wetter nicht empfehlen», sagt sie.

Vor dem Infoschalter schiebt sich die lange Warteschlange nur langsam voran: Koffer-Kolonnen, Smartphone-Tipper, Telefonierer mit sorgenvollem Blick. Ganz hinten, direkt vor den Eingangstüren, fragen sich drei Teenager-Mädchen: «Ist das das Ende der Schlange?» Andere drehen frustriert ab. Zwei junge Männer wollen nicht selbst für die Kosten einer Extrafahrt aufkommen: «Alter, ich habe keinen Bock, in Vorleistung zu gehen.»

Persönliches Pech mit der Bahn attestiert sich eine 52-Jährige aus Süddeutschland: «Irgendwas ist immer, wenn ich Bahn fahre, entweder Personenschaden oder es bleibt ein Güterzug liegen», sagt die Frau. Nach ein paar Tagen zu Besuch im Rheinland will sie zurück nach Stuttgart. «Heute aber habe ich vollstes Verständnis.»

Ähnliche Szenen in Bielefeld, in Dortmund, Essen und in Düsseldorf: Menschenleere Gleise, Gedränge unter den Anzeigetafeln an den Haupteingängen. Einige fotografieren mit ihrem Smartphone die leeren Anzeigen. Etwas abseits steht ein Mann neben zwei Koffern. Er wartet auf seine Mutter, sie wollten zusammen nach Hamburg. «Meine Mutter musste erstmal auf die Toilette, das war jetzt das Wichtigste.» Wie sie jetzt aus Düsseldorf wegkommen, weiß er nicht. «Wir müssen jetzt einfach mal gucken», sagt er, dann zuckt er mit den Schultern.

Einige Bahn-Mitarbeiter haben sich in der Wartehalle am Kölner Hauptbahnhof kurzerhand zur menschlichen Informationssäule umfunktioniert. Ein Südländer diskutiert hitzig mit einem Schaffner. An einer anderen Stelle steht eine 20-Jährige mit roter Weste, roter DB-Umhängetasche um die Schultern, Stift, Block, Tablet-Computer. Sichtlich bemüht jongliert sie die Anfragen, auf Deutsch, auf Englisch. Frage um Frage, und sie kann doch nur das eine sagen: «Es fährt nichts, komplett nichts».