Barenboim: Neujahrskonzert in Wien «eine Offenbarung»

Vier Jahre nach seinem ersten Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern kehrt Daniel Barenboim an die Donau zurück.

Barenboim: Neujahrskonzert in Wien «eine Offenbarung»
Hans Punz Barenboim: Neujahrskonzert in Wien «eine Offenbarung»

Er habe den Eindruck, zwischen ihm und dem Orchester habe sich so etwas wie eine «Liebesbeziehung» entwickelt - «sonst hätten sie mich wohl nicht eingeladen», sagt Barenboim im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Das Neujahrskonzert legt in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf das Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs. Aber auch die beliebten Walzer der Strass-Dynastie werden gespielt. Das Konzert wird am 1. Januar live vom ZDF übertragen.

Frage: Sie hatten 2009 bereits das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigiert. Gibt es so etwas wie eine «Liebesbeziehung» zwischen Ihnen und den «Wienern»?

Antwort: Da müsste man beide Seiten befragen. Aber von meiner Seite auf jeden Fall. Ich muss aber annehmen, dass die Liebe auch vom Orchester kommt, sonst hätten sie mich nicht eingeladen. (lacht)

Frage: Was reizt Sie am Neujahrskonzert?

Antwort: Erstens die Philharmoniker. Man sollte Orchester untereinander nicht vergleichen, und es gibt ja verschiedene Orchester, die alle auf sehr hohem Niveau spielen. Aber bestimmte Dinge gehören den «Wienern» fast exklusiv - und dieses Programm ist so ein Fall. Es hat mich fasziniert, mit welcher Hingabe und Zuneigung wir vor vier Jahren gemeinsam probten. Man könnte ja denken, dass die «Wiener» ein solches Repertoire mit Autopiloten spielen - überhaupt nicht! Sie haben sich die ganze Neugier bewahrt.

Frage: Dabei könnten Banausen meinen, dass es zwischen einzelnen Walzern keinen so großen Unterschied gibt ...

Antwort: Auf keinen Fall - Walzer sind viel differenzierter, als man denkt. Einige sind ernsthafter, andere melancholischer. Es gibt den Rhythmus des Wiener Walzers, bei dem der zweite Schlag etwas früher kommt, der dritte etwas später. Und es gibt unterschiedliche Arten zu spielen, die Länge der Töne, die Phrasierung. So ein Orchester, das den Stil so perfekt beherrscht und die Neugierde hat, sich darüber Gedanken macht - das ist eine Offenbarung.

Frage: Können Sie sich an Ihren ersten Eindruck des Orchesters erinnern?

Antwort: Die «Wiener» waren das erste Weltklasse-Orchester, das ich gehört habe. Ich kam aus Argentinien, war neun Jahre alt und hörte sie 1952 in Salzburg in Konzert und Oper. Bei allem Respekt für argentinische Orchester - so etwas hatte ich noch nie gehört! Erst in den sechziger Jahren habe ich dann am Klavier unter Zubin Metha und mit Karl Böhm in Salzburg gespielt.

Frage: Was ist so speziell an den Wiener Philharmonikern?

Antwort: Ihr Klang ist mit der Idee von Gesang und Tanz verbunden. Die Musiker wechseln stets vom Konzertpodium zum Operngraben und gewinnen dabei Assoziationen zu Texten und Stimmungen, die aus den Inszenierungen kommen - ein Reichtum, aus dem nicht jedes Orchester schöpfen kann. Und dadurch, dass die «Wiener» keinen Chefdirigenten haben, warten sie nicht passiv darauf, dass ein Dirigent sie animiert, sondern haben bereits eine eigene Klangvorstellung. Im besten Fall entsteht dabei mit dem Dirigenten eine wunderbare Einheit, die nicht entstehen könnte, wenn der Dirigent alles sagen muss oder das Orchester nicht auf den Dirigenten nicht hört.

ZUR PERSON: Daniel Barenboim (71) gilt als einer der profiliertesten Klassikmusiker der Gegenwart. Der in Argentinien geborene Pianist und Dirigent mit israelischem Pass ist Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper und Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus der arabischen Welt und aus Israel spielen. Er ist regelmäßig zu Gast bei den Wiener Philharmonikern.