Bayerische Bands zwischen Anarchie und Tradition

Die Lederhose sitzt, die Instrumente sind gestimmt, die Männer setzen die Blasinstrumente an, runtergezählt wird und los geht's.

Bayerische Bands zwischen Anarchie und Tradition
Marc Müller Bayerische Bands zwischen Anarchie und Tradition

Was jetzt aber kommt, hat rein gar nichts mit einer zivilisierten, volkstümlichen Veranstaltung zu tun. Vielmehr verwandelt sich das Publikum im Münchner Circus Krone innerhalb weniger Sekunden in eine hüpfende Menge. Die Herren in Hemd und Anzughose springen ähnlich mit wie die jungen Mädchen mit Rastazöpfen und langen Röcken. Am Ende des Konzerts liegt leichter Nebel über dem Publikum, auf den Gesichtern Lebensfreude.

Die Jungs der Blasmusikcombo LaBrassBanda aus Übersee am Chiemsee haben es erneut geschafft: Ihr Mix aus traditioneller Blasmusik mit Ska-, Hip-Hop-, Funk- und Jazzeinflüssen sowie bayerischen Texten macht das Publikum glücklich - so glücklich, dass es statt des einen geplanten Konzertes schließlich vier zusätzliche gibt, weil die Nachfrage so groß ist.

Mehr als 20 Wochen hielt sich die Gruppe um Gründer, Sänger und Trompeter Stefan Dettl in den Albumcharts, absolviert einen umjubelten Auftritt nach dem anderen. Nur ein umstrittenes Abstimmungsverfahren verhinderte, dass nicht sie für Deutschland zum Eurovision Song Contest fahren durften - sondern Cascada.

Zwar hätten sich in Europas Wohnzimmer viele gefragt, was genau LaBrassBanda ihnen da lyrisch vortragen, aber die Texte zu verstehen, das ist ob des musikalischen Tempos auch für die meisten Bayern so gut wie unmöglich. Hauptsache, das Gefühl stimmt.

Denn nicht nur die schmissigen Beats, sondern auch die Heimatnähe zieht das Publikum an - und das funktioniert auch bei anderen Bands. Mit traditionellen Instrumenten, Tracht und Dialekt mit dem Klischee des konservativen Bayern spielen - das haben auch andere bayerische Musiker für sich entdeckt. So entsteht bei jungen Leuten hier und da wieder dieses berüchtigte «Mia-Gfui». Ein bisschen stolz sein auf die bayerische Heimat wird man ja schon noch dürfen.

Ein weiterer erfolgreicher Vertreter dieser anarchischen Volksmusik ist die Münchner Combo VoxxClub. Ihre Flashmob-Videos, auf denen Lederhosen, Akkordeons, Madln in Dirndln und Schuhplattlereinlagen nicht fehlen, haben inzwischen mehr als drei Millionen Leute im Netz angeklickt. «2013 hatten bayerische Bands etliche Erfolge in den deutschen Charts. VoXXClub kletterten mit ihrem Album "Alpin" beispielsweise bis auf Rang 27, LaBrassBanda eroberten mit "Europa" sogar Platz drei», bestätigt Hans Schmucker, Sprecher bei Media Control GfK.

Seit mehr als 30 Jahren bewegt sich der Niederbayer Hans-Jürgen Buchner zwischen Tradition und Moderne. Mit seiner Band Haindling tritt er einen Tag nach LaBrassBanda im Circus Krone auf. Er ist leiser als die neuen Combos, trägt Jeans und T-Shirt statt Tracht, aber auch in seinen Liedern, den Texten und der Instrumentenauswahl schwingt unverkennbar die Liebe zur Heimat mit. Auch wenn die sich nicht immer einfach gestaltet. Denn mit den Konservativen und dem Stillstand kann er nichts anfangen. Und ausgerechnet in einem seiner bekanntesten Stücke «Bayern, des samma mia» haut er kapellenartig in die Stereotypenkiste. Wie bei vielen anderen Künstlern wird es da, wo die Musik vermeintlich typisch marschähnlich wird, eher humoristisch.

Bei Haindling geht es nicht um Nationalstolz, sondern vielmehr um die augenzwinkernde Betrachtung des trinkenden Bayern, für den Bier das flüssige Brot ist und vor allem das Reinheitsgebot gilt.

Der humorvolle Umgang mit Tradition hat Tradition in Bayern: Bis zu ihrer viel betrauerten Auflösung im vergangenen Jahr füllten die drei Musikerbrüder der Biermösl Blosn die Hallen. Ihr Mix von traditionellen Instrumenten mit modernen Themen und Klängen ist für viele junge Musiker aus Bayern ein Vorbild. Jodeln, Gstanzl und Alphorn haben sich hervorragend mit Witzen über den Papst, die Obrigkeit und nicht zuletzt die CSU vertragen. Auch die Jungs von LaBrassBanda verneigen sich im Circus Krone vor ihren «Helden der Kindheit».