Beispiellose Terrorserie in Paris: Mindestens 120 Tote

Zehn Monate nach dem Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» ist Paris von einer beispiellosen Terrorserie erschüttert worden.

Bei Anschlägen an mehreren Orten wurden am Freitagabend nach Medienberichten mindestens 120 Menschen getötet, viele weitere zum Teil schwer verletzt. Präsident François Hollande verhängte mit sofortiger Wirkung den Ausnahmezustand. Die Grenzen sollen geschlossen bleiben. 1500 zusätzliche Soldaten wurden mobilisiert. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bot Paris Hilfe durch deutsche Spezialkräfte an.

Auch weit nach Mitternacht war das genaue Geschehen immer noch nicht überschaubar. Nach Polizeiangaben gab es Angriffe an mindestens sieben verschiedenen Orten. Allein in einer der bekanntesten Konzerthallen der französischen Hauptstadt, dem «Bataclan», starben nach Medienberichten mindestens 70 Menschen. Auch vier Terroristen wurden getötet, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Die Behörden gingen davon aus, dass weitere Täter noch auf der Flucht sind.

Im Club «Bataclan», in dem am Freitagabend die amerikanische Rockband «Eagles of Death Metal» vor fast 1500 Zuschauern aufgetreten war, hatten mehrere Terroristen um sich geschossen, Geiseln genommen und «Allah ist groß» gerufen. Laut Augenzeugen schossen die Täter mehr als zehn Minuten wild um sich. Beim Versuch der Polizei, die Geiselnahme zu beenden, wurden laut AFP auch drei der Angreifer getötet.

Die Gegend rund um das «Bataclan» war weiträumig abgeriegelt. Sie gehört zu den beliebtesten Ausgehvierteln der französischen Hauptstadt. An Freitagabenden sind dort besonders viele junge Leute unterwegs. Die Redaktion des Satireblatts «Charlie Hebdo», die im Januar von Terroristen überfallen worden war, ist nur wenige Straßenzüge entfernt. In der Nacht eilten Frankreichs Präsident François Hollande und Regierungschef Manuel Valls zu dem Club.

Zu den weiteren Angriffsorten gehörte auch die Umgebung des Stade de France, wo ein Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich stattfand. Im Stadion waren während der ersten Halbzeit zwei schwere Explosionen zu hören. Bereits am Vormittag hatte es eine anonyme Bombendrohung gegen das luxuriöse DFB-Teamhotel im Stadtteil Boulogne gegeben.

Hollande appellierte an seine Landsleute, angesichts der neuen Anschläge zusammenzuhalten. «Die Terroristen wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Man kann Angst haben, man kann Schrecken verspüren», sagte der Präsident. «Aber dem Entsetzen steht eine Nation gegenüber, die weiß, wie sie sich verteidigt. Die weiß, wie sie ihre Kräfte sammelt. Und die einmal mehr wissen wird, wie sie die Terroristen besiegen wird.»

Das Militär wurde verstärkt, um weitere Anschläge zu verhindern. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt. Die Bevölkerung von Paris wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben. «Wir bitten Sie, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen und auf Anweisungen der Polizei zu warten», hieß es einer Mitteilung der Polizei. Aus Sorge vor weiteren Anschlägen wurden mehrere Linien der Métro-Untergrundbahn unterbrochen.

Das Länderspiel wurde trotz der Anschlagsserie nicht abgebrochen. Anschließend verließen die Zuschauer das Stadion nach Berichten eines dpa-Reporters ohne Panik. Viele waren ratlos. Kinder hatten Tränen in den Augen. Keiner wusste genau, was geschehen war. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der die erste Halbzeit an der Seite Hollandes im Stadion verfolgt hatte, zeigte sich entsetzt. «Wir stehen an der Seite Frankreichs», sagte Steinmeier.

Bundestrainer Joachim Löw reagierte mit großer Bestürzung und Betroffenheit auf die Ereignisse. «Wir sind alle erschüttert und schockiert», sagte Löw in der ARD. «Für mich tritt der Sport oder die Gegentore in den Hintergrund.»

Die Anschlagsserie löste weltweit Entsetzen aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck äußerten ihre tiefe Erschütterung. Merkel sagte: «Meine Gedanken sind in diesen Stunden bei den Opfern der offensichtlich terroristischen Angriffe, ihren Angehörigen sowie allen Menschen in Paris.» US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge als «abscheulichen Versuch», die Welt zu terrorisieren. «Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen.»

In Frankreich galten bereits vor den Anschlägen seit diesem Freitag wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen «terroristischer Gefahr» und «Risiken für die öffentliche Ordnung» hatte die Regierung auch beschlossen, vor der Weltklimakonferenz die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen. Die Klimakonferenz, zu der zahlreiche Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet werden, beginnt am 30. November.