Belle and Sebastian: Viel mehr als eine Resterampe

Die schottischen Indiepopper Belle and Sebastian machen ihren Fans nichts vor: «The Third Eye Centre» ist kein Album mit lauter neuen Songs. Aber auch alles andere als eine Resterampe für schwächere Lieder von Stuart Murdoch und seiner Band.

Belle and Sebastian: Viel mehr als eine Resterampe
Belle and Sebastian: Viel mehr als eine Resterampe

«A collection of rarities and non-album tracks from the last decade» verrät der gelbe Aufkleber auf dem mal wieder ganz wunderbaren, bandtypischen Plattencover. Also Seltenes oder Verschollenes aus den Sessions seit «Dear Catastrophe Waitress» (2003) - jenem Werk, mit dem Belle and Sebastian ihren Reifeprozess vorantrieben und aus dem britischen Pop-Underground fast in den Mainstream aufrückten. Auch das Innere der CD im Buch-Design, mit allen Texten und Infos, ist gewohnt liebevoll gestaltet und riecht überhaupt nicht nach Billig-Verwertung oller Kamellen.

Bereits mit «Push Barman To Open Old Wounds» (2005) und «The BBC Sessions» (2008) hatten Belle and Sebastian Raritäten früherer Phasen kongenial zusammengefasst. Auch «The Third Eye Centre» (Rough Trade/Beggars Group/Indigo) klingt nun nicht wie ein Patchwork aus Songs, die sich über Jahre angesammelt hatten und eigentlich kaum zusammenpassen. Im Gegenteil: Die 19 Titel ergeben ein stimmiges Ganzes, auch wenn die Abweichungen vom typischen Band-Sound - etwa Richtung Funk im einzigen neuen Track «Your Cover's Blown (Miaoux Miaoux Remix)» - teilweise nicht unerheblich sind.

Obgleich Belle and Sebastian den Wackel-Charme ihrer Anfangszeit in den neueren Songs naturgemäß nicht mehr haben (was ihnen von manchen Kritikern hartnäckig verübelt wird), so sind dies doch immer noch Indiepop-Juwelen von selten erreichter Qualität. Das in herrlichsten Sixties-Pop-Farben schillernde «I Took A Long Hard Look», die Samba-Preziose «Love On The March», die schwelgerische Piano-Ballade «Heaven In The Afternoon», das jazzige «Long Black Scarf» - allein aus der ersten Hälfte der Compilation lassen sich viele bisher kaum bekannte Highlights der Band-Historie herauspicken.

Stuart Murdoch hatte Belle and Sebastian 1996 in Glasgow als eine Art Indie-Bigband gegründet. Zunächst versuchte man sich noch ohne ganz große Ambitionen, aber ungeheuer liebenswert an der zeitgemäßen Aufarbeitung des britischen Gitarrenpops seit den 60ern. In den Nuller-Jahren - auf den Top-Ten-Albumhits «The Life Pursuit» (2006) und «Write About Love» (2010) - wurden die Produktionen aufwendiger, Murdoch mauserte sich zum ernstzunehmenden Sänger. Und dass der Mann auch ohne die irgendwann von Bord gegangene Isobel Campbell Klassesongs schreiben kann, steht nach dem verschwenderischen Angebot auf «The Third Eye Centre» erst recht außer Frage.

Der urbritische, an den Kinks, den Beatles, den Zombies, aber auch an Madness, Pet Shop Boys oder Saint Etienne geschulte Pop von Belle and Sebastian wird wohl nie so ganz aus der Mode kommen. Die jetzt erschienene Raritäten-Zusammenstellung verkürzt nun aufs Unterhaltsamste die Wartezeit bis zum nächsten regulären Studiowerk von Stuart Murdoch, Stevie Jackson & Co.