Über 330 Tote bei Flüchtlingsdrama vor Lampedusa befürchtet

Bei einer der schlimmsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer seit Jahren sind vor Lampedusa möglicherweise mehr als 330 Menschen ums Leben gekommen.

Insgesamt vier Schlauchboote mit mehr als 400 Menschen seien auf dem Weg von Libyen nach Italien in Seenot geraten, erklärte eine Sprecherin des UN-Flüchtlingswerkes UNHCR unter Berufung auf Überlebende. Die meisten Menschen werden noch vermisst. Die Flüchtlinge stammen wohl aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Die EU-Flüchtlingspolitik steht in der Kritik.

Am Montag war bekanntgeworden, dass vor der süditalienischen Insel 29 Flüchtlinge erfroren oder an Erschöpfung gestorben seien. Auf zwei anderen Booten seien insgesamt mehr als 210 Menschen gewesen. «Von diesen überlebten nur neun», erklärte UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami. «Sie wurden nach vier Tagen auf dem Meer gerettet. Die anderen 203 hat das Meer verschluckt.» Überlebende berichteten von einem vierten vermissten Boot mit möglicherweise mehr als 100 Menschen an Bord. Die italienische Küstenwache schickte Schiffe und Hubschrauber auf die Suche.

Lampedusa ist nach einem Schiffsunglück mit mindestestens 366 Toten im Oktober 2013 zum Sinnbild für Flüchtlingskatastrophen auf dem Mittelmeer geworden. Danach hatte Italien die Rettungsmission «Mare Nostrum» ins Leben gerufen, die in den folgenden Monaten Zehntausende Flüchtlinge auf dem Mittelmeer in Sicherheit brachte. 

Diese wurde 2014 von der EU-Grenzschutzmission «Triton» abgelöst, die jedoch mit weit weniger Geld ausgestattet ist und sich vor allem auf den Grenzschutz konzentriert.

Menschenrechtsorganisationen und Politiker kritisierten das Programm erneut als unzureichend. «Das ist eine Tragödie mit enormen Ausmaß», erklärte der Europa-Direktor des UN-Flüchtlingshilfswerks, Vincent Cochetel. «Europa kann es sich nicht leisten, zu wenig zu spät zu tun.» Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte: «Die Europäischen Union und ihre Mitgliedstaaten sollten sich schämen.»

Papst Franziskus rief erneut zur Solidarität mit Flüchtlingen auf, es dürfe nicht an notwendiger Hilfe fehlen. Er verfolge die Nachrichten mit Sorge.

Eine EU-Kommissionssprecherin sagte, es sei falsch, einen Schuldigen für die jüngste Tragödie zu suchen: «Mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, bringt uns nicht weiter.»

Auch auf anderen Wegen versuchen Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara in die EU zu kommen. Nach einem neuen Massenansturm auf die spanische Nordafrika-Exklave Melilla räumten marokkanische Sicherheitskräfte mehrere Lager von Migranten in der Umgebung.

Wie die offizielle Nachrichtenagentur MAP unter Berufung auf das Innenministerium berichtete, begann die Polizeiaktion am Vortag in den Wäldern nahe der Ortschaft Nador. In der Nähe der beiden spanischen Exklaven Melilla und Cueta leben Tausende notleidende Afrikaner, die auf eine Gelegenheit harren, nach Europa zu gelangen.