Über 520 Tote in Ägypten - Islamisten kündigen neue Proteste an

Nach den schwersten Ausschreitungen in Ägypten seit Beginn des Arabischen Frühlings droht die nächste Welle der Gewalt. Die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi riefen zu neuen Protesten auf - radikale Islamisten verkündeten einen «Freitag der Wut».

Nach dem blutigen Mittwoch hatten die Behörden mehr als 520 Tote gezählt. Mehrere westliche Staaten, darunter Deutschland, bestellten die ägyptischen Botschafter ein. Die EU-Außenminister wollen die dramatische Lage in dem arabischen Land voraussichtlich Anfang kommender Woche erörtern. Die USA sagten eine gemeinsame Militärübung mit den Streitkräften Ägyptens ab.

Angesichts der Geschehnisse könnten die Vereinigten Staaten ihre Beziehung mit dem Land derzeit nicht wie gewohnt weiterführen, sagte US-Präsident Barack Obama am Donnerstag in seinem Ferienort auf der Insel Martha's Vineyard im US-Staat Massachusetts. Er habe seinen Nationalen Sicherheitsrat aufgefordert, zu ermitteln, ob weitere Konsequenzen notwendig seien.

Die gewaltsame Räumung der zwei großen Protestlager der Mursi-Anhänger in Kairo hatte die blutigen Unruhen ausgelöst. Mursi war am 3. Juli durch das Militär gestürzt worden und befindet sich an einem geheimen Ort. Seine Untersuchungshaft wurde am Donnerstag um 30 Tage verlängert.

Die ägyptische Regierung gab die Zahl der Toten am Nachmittag mit 525 an. 3717 Menschen sollen verletzt worden sein. Zuvor waren praktisch stündlich neue Opferzahlen veröffentlicht worden. Allein bei der Räumung der zwei Protestlager in Kairo kamen nach Regierungsangaben 289 Menschen ums Leben. Das Fernsehen meldete, 84 Islamisten seien dem Militärstaatsanwalt übergeben worden.

Die Islamisten wollen die Proteste gegen Mursis Absetzung nach den Freitagsgebeten fortsetzen. Das ägyptische Nachrichtenportal youm7 berichtete, Sicherheitskräfte befürchteten eine neue Welle der Gewalt.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes (AA) teilte mit, dem Botschafter sei bei dem Gespräch im AA «in aller Deutlichkeit die Haltung der Bundesregierung dargelegt» worden. Das Blutvergießen müsse ein Ende haben, forderte Außenminister Guido Westerwelle. Auch in Paris, London und Rom wurden die Vertreter Ägyptens geladen. In Frankreich bestellte Präsident François Hollande in einer ungewöhnlichen Geste persönlich den ägyptischen Botschafter zu sich. Es müsse alles getan werden, um einen Bürgerkrieg zu verhindern, forderte er.

Der Platz vor der Rabea-al-Adawija-Moschee in Kairo, auf dem sich die Polizei und die Islamisten am Vortag Straßenschlachten geliefert hatten, bot am Donnerstag ein Bild der Verwüstung. In Kairo und Alexandria organisierten Anhänger der Muslimbruderschaft neue Proteste gegen den «Militärputsch». Etwa 3000 Islamisten sperrten die Straße vor der Kairoer Al-Iman-Moschee ab, in der Dutzende Opfer der Gewaltexzesse vom Vortag aufgebahrt waren.

Das Nachrichtenportal Al-Ahram meldete, in der Hafenstadt Alexandria hätten Anwohner einen Protestmarsch der Muslimbrüder gestoppt, als sich die Demonstranten auf eine koptische Kirche zubewegten. Sie riefen den Angaben zufolge: «Mit unserer Seele und unserem Blut opfern wir uns für unsere koptischen Brüder» und «Wir sind alle Ägypter - Millionen gegen die Muslimbrüder».

Die Angriffe von Extremisten auf Polizeiwachen und christliche Kirchen gingen indes weiter. Aus Sicherheitskreisen hieß es, in Abanub in der Provinz Assiut sei eine koptische Kirche niedergebrannt worden. Nach Angaben der christlichen Zeitung «Watani» attackierten die Islamisten im Verlauf der Unruhen 35 Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten.

Die Muslimbrüder übernahmen nicht die Verantwortung für die Attacken gegen Kirchen und Polizeistationen durch Sympathisanten. Ihr Sprecher Gehad al-Haddad erklärte über den Kurznachrichtendienst Twitter: «Wir werden immer gewaltfrei und friedlich sein. Wir werden so lange Druck machen, bis wir diesen Militärputsch zu Fall bringen.»

Im Kairoer Stadtteil Giza stürmten mehrere Hundert Islamisten das Gebäude der Provinzverwaltung. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen brach ein Feuer aus. Ein Polizist starb in der Stadt Al-Arisch auf der Sinai-Halbinsel, als Extremisten das Feuer auf den Offiziersclub der Polizei eröffneten.

Die ägyptischen Ferienorte an der Küste des Roten Meeres blieben von Gewalt zwar bislang verschont. Im Badeort Hurghada starb allerdings in der Nacht ein Anhänger der Muslimbruderschaft bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Das Auswärtige Amt aktualisierte seine Reisewarnung für Ägypten und riet zu erhöhter Vorsicht.

Die Führung in Kairo verteidigte trotz massiver internationaler Kritik das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte bei der Räumung. Sie rief den Notstand über Kairo und andere Landesteile aus und verhängte eine nächtliche Ausgangssperre.

US-Außenminister John Kerry mahnte: «Dies ist ein entscheidender Moment für alle Ägypter.» In den «kommenden Stunden, in den kommenden Tagen» werde sich das Schicksal des Landes entscheiden. Eine demokratische Lösung sei noch möglich.