70 Jahre Kriegsende: «Sieg eines Ideals über eine Ideologie»

Am 70. Jahrestag des Kriegsendes haben weltweit Staats- und Regierungschefs der Millionen Opfer gedacht und vor neuer Zwietracht in Europa gewarnt. Bundespräsident Gauck erinnerte an die getöteten sowjetischen Soldaten.

70 Jahre Kriegsende: «Sieg eines Ideals über eine Ideologie»
Patrick Pleul 70 Jahre Kriegsende: «Sieg eines Ideals über eine Ideologie»

Er verneige sich vor dem Leid und der Leistung derer, die Deutschland von der Nazi-Herrschaft befreit haben, sagte Gauck am Freitag auf einem russischen Soldatenfriedhof in Brandenburg. Frankreichs Staatspräsident François Hollande sagte, der 8. Mai sei kein Sieg einer Nation über eine andere. «Es war der Sieg eines Ideals über eine totalitäre Ideologie.»

Der Krieg in Europa und Asien kostete mehr als 55 Millionen Menschen das Leben, zum Großteil Zivilisten. Mit mehr als 26 Millionen Toten erlitt die Sowjetunion die größten Verluste. Zu den Opfern gehören auch rund sechs Millionen von den Nazis ermordete Juden.

US-Präsident Barack Obama würdigte die US-Soldaten, die in Europa ihr Leben gelassen hatten. «Das war die Generation, die ganz wörtlich die Welt gerettet hat.» Heute müssten die westlichen Verbündeten für gemeinsame Werte zusammenstehen - Freiheit, Sicherheit, Demokratie, Menschenrechte und Herrschaft des Gesetzes. Zugleich müsse jeder Form von Hass eine Absage erteilt werden.

Der russische Präsident Wladimir Putin gratulierte den Staatschefs der Ex-Sowjetrepubliken zum 70. Jahrestag des Sieges über den Faschismus. Heute sei es gemeinsame Aufgabe, das «heilige Andenken» an die Helden zu bewahren, für die Veteranen zu sorgen und eine Wiederholung der tragischen Ereignisse nicht zuzulassen. Russland feiert den Tag des Sieges an diesem Samstag mit einer großen Militärparade.

Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk warf Russland vor, den Sieg gegen Hitler für sich allein zu reklamieren. Er prangerte an, dass das Nachbarland zudem im Donbass heute einen Krieg gegen die Ukraine führe.

Gauck legte auf dem zentralen sowjetischen Soldatenfriedhof in Brandenburg in Lebus einen Kranz nieder. «Ihr Schicksal mahnt uns, mit all unserer Kraft für Verständigung, Frieden und Versöhnung einzutreten», sagte er.

Zuvor hatte Gauck an einer Gedenkstunde im Bundestag teilgenommen, gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Der Historiker Heinrich August Winkler sagte in der zentralen Gedenkrede, Deutschland solle heute zu seiner internationalen Verantwortung zu stehen. Mit den Nazi-Verbrechen könne kein Beiseitestehen begründet werden. Eine besondere Pflicht zur Solidarität gebe es mit Ländern, die erst durch die friedlichen Revolutionen von 1989/90 ihre Selbstbestimmung wiedergewonnen hätten. Nie wieder dürften Polen und die Balten den Eindruck gewinnen, als werde zwischen Berlin und Moskau irgendetwas über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten entschieden.

Winkler prangerte die heutige Fremdenfeindlichkeit und antisemitische Gewalt in Deutschland und anderen Ländern an. Die «eigentliche Lehre» der Geschichte zwischen 1933 bis 1945 sei die Verpflichtung, «unter allen Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten».

Auch der polnische Präsident Bronislaw Komorowski rückte das Schicksal der Staaten Ostmitteleuropas in den Fokus, die nach 1945 unter die Vormachtstellung der Sowjetunion gerieten. «Nicht allen hat das Ende des Krieges die Freiheit gegeben», sagte er in der Nacht zum Freitag auf der Westerplatte bei Danzig (Gdansk). Wenn jetzt aller Opfer des Krieges gedacht werde, müsse daran erinnert werden, dass nationale Souveränität auch heute noch verletzt werde, sagte er mit Blick auf den Konflikt in der Ukraine.