Analyse: Wut und Fassungslosigkeit in Berlin

Die kleine Regierungsmaschine Global 5000 ist startklar für den Vier-Stunden-Flug nach Tel Aviv. Doch um kurz vor 9.00 Uhr am Sonntagmorgen, drei Stunden, bevor Sigmar Gabriel vom militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel nach Israel abheben will, bläst er die Reise ab.

Analyse: Wut und Fassungslosigkeit in Berlin
Kay Nietfeld Analyse: Wut und Fassungslosigkeit in Berlin

Wie hätte das auch ausgesehen - während in Europas Hauptstädten sich in einer historischen Notlage alles um das Griechenland-Drama dreht, hätte der deutsche Vizekanzler und SPD-Chef am Montag in einem Kibbuz bei Tel Aviv einen Kinderspielplatz eröffnet.

Kurz nach der Absage hängt Gabriel am Telefon. In einer Schalte beraten die Mitglieder der SPD-Spitze. Einhellige Meinung der Genossen: Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras habe Europas ausgestreckte Hand ausgeschlagen, die Partner schlichtweg «verarscht», heißt es. Dabei sei das Angebot der Geldgeber vom Freitag äußerst großzügig gewesen.

Noch am Samstagmorgen hatte Gabriel Athen zunächst grundsätzlich zugestanden, das eigene Volk zu befragen. Als Gabriels Sätze live im Deutschlandfunk zu hören sind, war den Deutschen aber noch gar nicht richtig bewusst, dass Syriza-Chef Tsipras die eigenen Bürger zum Nein in der Frage zur Rettungsofferte der Euro-Finanzminister aufruft.

Dementsprechend geladen sind nun in der SPD selbst treue Tsipras-Versteher. Die aktuelle griechische Regierung gilt im Kreis der Euro-Finanzminister als «verbrannt», das Vertrauen zu Tsipras & Co. ist komplett zerstört.

Gebannt schauen alle auf die nächsten Tage. Führt Athen Kapitalkontrollen ein, damit die Bürger nicht ungehemmt ihr Bares abheben? Oder lässt Tsipras alles laufen, um das Risiko und damit das Erpressungspotenzial in den EZB-Büchern weiter aufzublähen?

Wie verhält sich die Europäische Zentralbank, die am Sonntag beraten wollte. Stoppt sie die Nothilfen für die griechischen Banken, wie viele Abgeordnete in der Koalition offen fordern? Frankreichs Premier Manuel Valls warnt die Währungshüter, die Rettungsleine für Athen zu kappen: «Es ist das griechische Volk, das leidet.»

Von Angela Merkel ist bislang kein Wort zu vernehmen. Bestätigt werden am Sonntag «Bild»-Informationen, dass Merkel für Montag die Spitzen der im Bundestag vertreten Parteien zu einem Treffen ins Kanzleramt eingeladen hat. Linkspartei-Chef Bernd Riexinger kritisiert, die Kanzlerin dürfe sich nicht hinter den Euro-Finanzministern wegducken: «Greift Merkel nicht ein, wäre das ihr größter Fehler und der Beginn einer Dauerkrise.»

Die Regierung selbst will erst einmal versuchen, mögliche Verwerfungen auch an den Märkten klein zu halten. «Jetzt muss man einen Weg finden, wie man wieder Ruhe in den ganzen Prozess bringen kann, um die Panik nicht noch zu vergrößern», sagt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann. Aus anderen Teilen der Koalition sind kritische Stimmen zu hören, die sagen, Gabriels Reise-Absage sei da genau das falsche Signal gewesen.

In der Krise wollen Union und SPD möglichst geschlossen agieren. Die Lage - neben Griechenland auch das Flüchtlingsdrama und Erfolge von Rechtspopulisten in einigen EU-Ländern - sei zu ernst für taktische Spielereien, heißt es in Gabriels Umfeld. Wie lange das gilt, wird man sehen. Bei einer weiteren Eskalation dürfte die SPD die Kanzlerin sehr wohl wieder ins Blickfeld rücken.

Gabriel treibt die Sorge um, dass bei den Wählern hängenbleiben könnte, die Union sei in der Hellas-Krise der harte Hund, der das Geld der Steuerzahler zusammenhalte, eine sozialromantische SPD aber habe zu viel Verständnis für Tsipras Links-Rechts-Regierung gezeigt. So landete vor ein paar Tagen Gabriels Athen-«Bashing» als Aufsatz in der «Bild»-Zeitung.

Bei den Parteilinken kam das nicht so gut an. Seit dem historischen 27. Juni 2015 dürfte die Lage allerdings anders aussehen. Johannes Kahrs, der Chef des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, bringt die neue Lage drastisch auf den Punkt: «Tsipras hat sich verzockt. Er war der historischen Aufgabe leider nicht gewachsen. So ein Scheiß passiert, wenn Linke&AfD regieren.»