Artenschutz-Report: Jede dritte Art in Deutschland gefährdet

Jede dritte untersuchte Art in Deutschland ist nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz (BfN) gefährdet. Das geht aus dem ersten umfassenden Artenschutz-Report hervor.

Artenschutz-Report: Jede dritte Art in Deutschland gefährdet
Patrick Pleul Artenschutz-Report: Jede dritte Art in Deutschland gefährdet

Ob Rebhuhn oder Wildbienen: «Der Zustand der Artenvielfalt in Deutschland ist alarmierend», sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel.

Das nationale Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt in Deutschland aufzuhalten, werde bislang verfehlt, betonte die Professorin. Eine wichtige Ursache hierfür sei die intensive Landwirtschaft. Jessel forderte eindringlich, die Anstrengungen für den Naturschutz zu verstärken.

Besonders dramatisch ist demnach die Situation bei den wirbellosen Tieren, zu denen Insekten gehören: Knapp 46 Prozent der untersuchten Arten und Unterarten sind bedroht, extrem selten oder ausgestorben. Mit Sorge beobachten Experten dabei auch die negative Entwicklung aller 600 Wildbienenarten in Deutschland.

Fast 28 Prozent der Wirbeltierarten (Süßwasserfische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere) seien in ihrem Bestand gefährdet. Die Situation bei den Brutvögeln hat sich laut Bericht spürbar verschlechtert. «Allerweltsarten» unter den Agrarvögeln wie Kiebitz und Feldlerche gehe es seit 20, 30 Jahren kontinuierlich schlechter, sagte Jessel. Beim Kiebitz hat sich demnach der Bestand auf ein Drittel bis ein Viertel reduziert. Beim Rebhuhn gebe es sogar einen Rückgang von 90 Prozent.

Der Bericht nennt aber auch Erfolge durch gezielte Maßnahmen: Der Wolf ist zurück, der Biber hat sich erholt, der Schwarzstorch und der Seeadler. Auch der Äskulapnatter (Zamenis longissimus) geht es etwas besser. Die einst fast verschwundene Kegelrobbe ist in die Nordsee zurückgekehrt und jetzt auch in der Ostsee gesichtet worden. «Das sind erfolgversprechende Zeichen, die zeigen, dort wo man aktiven Naturschutz betreibt, da lohnt er sich eben auch», sagte Jessel.

Laut Artenschutz-Report kommen in Deutschland insgesamt rund 72 000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten vor. In der Roten Liste Deutschlands wurden demnach mehr als 32 000 heimische Spezies auf ihre Gefährdung hin untersucht, mit einem nach BfN-Einschätzung ernüchternden Ergebnis: Rund 31 Prozent sind demnach in ihrem Bestand gefährdet, vier Prozent bereits ausgestorben.

Die intensive Landwirtschaft stehe bei den Ursachen an vorderster Stelle. «Früher hat der Bauer auch mal ein paar Halme stehenlassen. Der Feldhamster hatte was zu knabbern, die Vögel hatten dann auch noch was», beschrieb BfN-Sprecher Franz August Emde beispielhaft Änderungen in der Bewirtschaftung. Heute werde auch der letzte Halm verwertet, die Fruchtfolge wechsele nicht mehr unbedingt und es gebe riesige Monokulturen.

In der Agrarförderung müsse eine Umschichtung stattfinden von den reinen Flächenprämien hin zur gezielten Förderung von Maßnahmen, die bestimmten Arten zugutekommen, meinte Jessel - beispielsweise für das Anlegen blühender Ackerrandstreifen oder für die weniger intensive Nutzung von Wiesen und Weiden. Außerdem sei ein bundesweites Verbot für die Umwandlung von Grünland in Ackerflächen notwendig.

In einem Acht-Punkte-Programm fordert das BfN ein effektives Management der bestehenden Schutzgebiete und eine Vernetzung, damit Tiere wandern können. Grünbrücken seien so eine positive Maßnahme, sagte Emde, oder der Wildkatzensprung, über den Wildkatzen von Revier zu Revier ziehen können.

«Der Bericht legt den Finger in die Wunde. Wir erleben in Deutschland eine alarmierende Krise der biologischen Vielfalt», teilte Christoph Heinrich von der Umweltorganisation WWF mit. Bund und Länder müssten ihre Bemühungen rasch intensivieren, um Lebensqualität, natürliche Ressourcen und Vielfalt der Arten wirksam zu sichern. «Die Bundesregierung ist meilenweit davon entfernt, ihre eigenen Ziele beim Artenschutz zu erreichen», so Heinrich. Mit der Nationalen Strategie für biologische Vielfalt seien 2007 gute und ambitionierte Ziele gesetzt worden. Es hapere jedoch an der Umsetzung.