Europäische Pressestimmen zur Griechenlandkrise

Die dramatische Lage in Griechenland beschäftigt die Presselandschaft in Europa. Eine Zeitung schreibt von der Erniedrigung eines ganzen Volkes. Auch die Rolle von Angela Merkel steht am Dienstag im Fokus. Ein Auszug aus den Kommentaren:

Europäische Pressestimmen zur Griechenlandkrise
Yannis Kolesidis Europäische Pressestimmen zur Griechenlandkrise

«La Stampa» (Italien): «Die deutsche Kanzlerin ist die Vorsicht in Person. Oder die Unentschlossenheit in Person? Tatsächlich hat sie in der jüngsten Vergangenheit stets an einem gewissen Punkt, oft völlig überraschend, wichtige Entscheidungen getroffen. Als ob sie die Situation immer bis zum Maximum eskalieren lassen würde, bevor sie eingreift. Bislang ist das gut gegangen. Aber es könnte ein gefährliches Spiel sein.»

«Corriere della Sera» (Italien): «Angela Merkel sagt, wenn der Euro scheitert, scheitert auch Europa. Das ist wahr. Aber auch das Gegenteil ist wahr. Wenn die EU scheitert, wird nicht nur der Euro nicht gerettet, sondern auch der einzige Plan des alten Kontinents, um in einer neuen Welt zu überleben, zerbricht in Stücke.»

«Le Figaro» (Frankreich): «In Wahrheit ist Tsipras' Aufruf ans Volk nichts anderes als ein politischer "Coup", der unter der Maske der direkten Demokratie versteckt ist. Unfähig, seine Versprechen zu halten und das Land mit seiner radikalen Mehrheit unter den Bedingungen der katastrophalen Lage der Wirtschaft zu führen, ruft er die Bürger auf, zwischen ihm und Europa zu wählen.»

«De Standaard» (Belgien): «Die Griechen wissen, dass sie außerhalb des Euro kein Heil zu erwarten haben. Aber wenn sie mit Ja stimmen, wäre das keine Legitimierung der Fortsetzung der gescheiterten Schuldenpolitik. (...) In jedem Fall läuft es auf eine Erniedrigung eines besiegten Volkes hinaus.»

«Sme» (Slowakei): «Wenn in Spanien im Herbst Podemos gewinnt und dem Fiskalpakt den Gehorsam verweigert wie jetzt Syriza der ehemaligen Troika, steht Madrid in ein paar Monaten ebenso am Abgrund wie jetzt Griechenland.»

«Times» (Großbritannien): «So verführeresch es auch ist, dies als Zerfall des europäischen Traums zu sehen, ist es wahrscheinlich doch eher nur ein Beweis für ein anderes Phänomen, das wir überall auf der Welt beobachten - einen Rückzug vom Internationalismus.»

«Irish Times» (Irland): «Als Nato-Mitglied ist Griechenland ein wichtiger strategischer Verbündeter für die USA, und jede Hinwendung der Syriza-geführten Regierung zu Russland stieße in Washington auf erheblichen Widerstand. Syrizas Versöhnungsgesten in Richtung Wladimir Putin haben vor allem auch osteuropäische Mitgliedsstaaten geärgert. In den kommenden Tagen dürften eher Politik als wirtschaftliche Bedenken entscheiden, ob Deal in letzter Minute vereinbart werden kann, um Griechenland im Euro zu halten.»

«Lidove noviny» (Tschechien): «Wenn Griechenland das einzige verschuldete Euroland wäre, würde es vielleicht bekommen, was es will. Doch im Herbst werden in Spanien Wahlen erwartet, der viertgrößten Wirtschaft der Eurozone. Die dortige Podemos-Bewegung würde gerne wie Syriza in Griechenland die Regierung übernehmen und die Bedienung der Staatsschulden einschränken. Das ist eine vergleichbare Gefahr für ganz Europa wie ein «Grexit».»

«De Volkskrant» (Niederlande): «Wenn die Griechen den Plan abweisen, wie Tsipras will, müssen sie die Konsequenz akzeptieren, dass für sie in der Eurozone kein Platz mehr ist. Die Euroländer können es sich nicht erlauben, dass für einen von ihnen die Spielregeln nicht gelten.»