«Gehorsam»: Greenaway zeigt Schau über Abraham

Blutrot verschmierte Wände, ein in Flüssigkeit konserviertes Schaf, Fesselinstrumente und ein Raum bedeckt mit Federn - das Jüdische Museum Berlin setzt mit einer neuen Ausstellung auf die Wirkung einprägsamer Bilder.

«Gehorsam»: Greenaway zeigt Schau über Abraham
Maurizio Gambarini «Gehorsam»: Greenaway zeigt Schau über Abraham

«Gehorsam» - unter diesem Titel geht eines der meistbesuchten Museen der deutschen Hauptstadt vom 22. Mai bis 13. September einer gemeinsamen Urgeschichte von Christentum, Judentum und Islam nach - der von Gott angeordneten und dann verhinderten Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham.

Für die Ausstellung hat das Museum den britischen Filmregisseur Peter Greenaway (73) gewonnen, einen Meister der effektvollen Bildkompositionen. Der Brite hatte auf der letzten Berlinale mit einem Film über das Coming Out des sowjetischen Regisseurs Sergei Eisenstein (1898-1948) in Mexiko für Furore gesorgt.

Bei der Berliner Ausstellung wirkt der Kultregisseur («Der Kontrakt des Zeichners») eher im Hintergrund. Seine Frau, die niederländische Opernregisseurin und Ausstellungsmacherin Saskia Boddeke, präsentiert sich als jene, die im Bau von Stararchitekt Daniel Libeskind die eigentliche Bilderflut entfesselt.

Gehorsam und Unterwerfung, so sehen es Greenaway und Boddeke, ziehen sich wie ein roter Faden durch die drei monotheistischen Glaubensbekenntnisse. Für Religionspatriarch Abraham bedeutet das: Er muss seinen Sohn Isaak opfern, denn Gott will es so. «Abraham schickte seine Hand aus, er nahm das Messer, seinen Sohn hinzumetzen», steht im Alten Testament, 1. Buch Mose, 22. Doch in letzter Sekunde entscheidet sich Gott anders und schickt einen Widder als Ersatz. Nicht der Mensch Isaak, das Tier soll geopfert werden. Doch immerhin hat Abraham gehorcht.

Ähnlich steht es im Koran, aber dort spielt Abrahams verstoßener Sohn Ismael die Rolle Isaaks. Beim alljährlichen Opferfest der Muslime, bei dem ein unversehrtes Tier geschlachtet wird, steht Ismael im Mittelpunkt. Für ein Museum, das jedes Jahr von mehr als 700 000 Menschen, darunter vielen Jugendlichen, besucht wird, ist das theologisch überfrachtete Thema starker Tobak.

Denn Greenaway und Boddeke verzichten weitgehend auf Erklärungen. Kuratorin Margret Kampmeyer spricht vom «emotionalen Verstehen», das in den 15 Räumen vermittelt werden soll. Und damit sollten auch Menschen angesprochen werden, die nicht so bibelfest sind.

Zu Beginn werden Kinder und Jugendliche auf einer Projektionswand gezeigt. Sie sagen «I am Isaac» oder «I am Ishmael» und sollen eine Identifikation mit den Söhnen Abrahams herstellen. Denn letztendlich, so sehen es die Ausstellungsmacher, sind die Kinder die Leidtragenden des Gehorsams der Älteren - bis heute.

Die burschikose Boddeke und der bedächtige Greenaway haben für die Ausstellung eine Mischung aus Filmspektakel und Panoptikum geschaffen. Sie setzen Messer und tropfendes Wasser in Szene, Grabsteine und die Thora, Schafe aus Pappmaché und Damien Hirsts konserviertes Schaf mit den goldenen Hörnern. Eine Ballettgruppe tanzt in Videoausschnitten das Opfer-Drama. Jeder Raum wird mit einem Satz eingeführt - vom «Golden Room» mit den historischen Ausgaben von Bibel und Koran, dem federbedeckten Raum der Engel und dem dunklen Teufels-Raum, wo Kieselsteine am Boden an die symbolische Steinigung Satans während der Pilgerfahrt nach Mekka erinnern.

Im Raum des Christentums hängen 140 Kreuze, die Kopie eines Caravaggio-Gemäldes wird in allen seinen Einzelheiten über sogenanntes Videomapping ausgeleuchtet - eine verblüffende Wirkung. Wie in Greenaways Filmen spielt die Ausstellung nicht auf intellektuell nachvollziehbare Geschichten, sondern auf die Macht der Bilder an.

Ein mit Lammwolle ausgelegter «Agnus Dei»-Raum erinnert an das Opferlamm, eine Gebetsbank zum Hinknien steht vor einem bewegenden Gemälde des Spaniers Francisco de Zurbarán. Als Anspielung an Isaaks Bindung werden Fesselungsinstrumente an die Decke gehängt. Nach Opfer-Raum mit den blutbedeckten Wänden stellt die Ausstellung eine Schlussfrage an die Besucher: «Oder bist Du ein Abraham?»