Holocaust-Mahnmal - Wie ein Knoten im Taschentuch

Pizzabuden und Toiletten, Reisebusse in Parkposition, Fahrräder, Pärchen ineinander verharkt - der Gang zum Berliner Holocaust-Mahnmal kann zum Hindernislauf werden.

Holocaust-Mahnmal - Wie ein Knoten im Taschentuch
Jörg Carstensen Holocaust-Mahnmal - Wie ein Knoten im Taschentuch

Wie ein wogender See liegt das Stelengelände zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz. Mancher Passant wirkt leicht überfordert, wenn er auf die mehr als 2700 Betonklötze blickt und dann im Kopf eine Brücke zum schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte schlagen soll.

Zehn Jahre nach der Eröffnung gibt das Denkmal für die ermordeten Juden Europas noch immer Rätsel auf, der Streit um den Ort ist aber längst vorbei. Noch 1999, als der Bundestag den Bau beschloss, tobte ein Kampf um die richtige Form der Erinnerung. Wie lässt sich der millionenfache Mord an den Juden überhaupt darstellen? Und müssen es gleich 20 000 Quadratmeter im Zentrum der Hauptstadt sein?

Das Mahnmal habe sich etabliert, sagt Norbert Lammert vor der Jubiläumsfeier an diesem Donnerstag. Der Bundestagspräsident will die alten Schlachten nicht wieder schlagen. Die Stelen gehörten zum Stadtbild, der unterirdische «Ort der Information» sei ein unerlässlicher Bestandteil.

Tatsächlich ist das Mahnmal ein Touristenmagnet. Millionen Menschen haben es seit dem 10. Mai 2005 besucht. So findet Lammert nichts Verwerfliches am spielerischen Umgang mit dem Denkmal. Angesichts des beeindruckenden Baus von US-Architekt Peter Eisenman beschäftige sich ohnehin jeder früher oder später mit dem Werk und seinen Absichten. Ein paar tobende Kinder störten da kaum.

Lea Rosh verzieht bei dem Thema leicht die Mundwinkel. Die Journalistin, die mit dem Historiker Eberhard Jäckel erfolgreich für den Bau stritt, ist anderer Meinung. Sie will sich nicht an die Jugendlichen gewöhnen, die von Stele zu Stele hüpfen, an die jungen Frauen, die sich an sonnigen Tagen dort bräunen. Dann gehe sie zu ihnen und erkläre die Bedeutung des Ortes. «Und die reagieren dann auch sehr verständnisvoll», sagt sie.

Sauer wird Rosh aber über jene Lokale, die sich am Rand etabliert haben. Da würden die Besucher «am Ärmel» zum Pizza-Essen hineingezogen. Doch für Rosh hat sich das Mahnmal im öffentlichen Bewusstsein gefestigt. Das zeigten die jüngsten Äußerungen von Martin Walser im «Spiegel», sagt sie. Im Interview hatte der Schriftsteller seine Rede von 1998 in der Frankfurter Paulskirche bereut. Damals sprach er von der «Instrumentalisierung des Holocaust» und nannte das Mahnmalprojekt die «Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum».

Nur Peter Eisenman erinnert an die alten Kämpfe. Gerade die Reaktion auf Walsers Rede habe den Ausschlag dafür gegeben, dass das Mahnmal gebaut wurde. «Davor war das Projekt tot.» Mit einem geschickten Schachzug habe der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann das Vorhaben von Gerhard Schröders Kanzleramt in den Bundestag zur Abstimmung geschoben.

Viel schlimmer als Pizza und Currywurst am Mahnmal findet Eisenman aber die US-Botschaft gegenüber: «Ein architektonisches Desaster.» Um die Frage, was die Stelen eigentlich darstellen sollen, macht sich Eisenman keinen Kopf. «A place of no meaning», hat er das Mahnmal einmal genannt.

Denn der amerikanische Stararchitekt misstraut jeder Symbolik. «Diese Stelen haben mit dem Holocaust soviel zu tun, wie ein Knoten in meinem Taschentuch mit dem, woran er mich erinnern soll», schrieb Arno Widmann jüngst in der «Frankfurter Rundschau» dazu. Das sieht Eisenman wohl ähnlich: Wenn Kinder nach einem Schulausflug nach Hause kommen und dem Opa berichten, dass sie gerade eine «wunderbare Zeit» am Mahnmal verbracht haben, sei doch die Botschaft sehr gut angekommen, sagt er.