Kamasi Washington: Maßlos, magisch, meisterlich

Bei Kamasi Washington klaffen (Albumtitel-)Anspruch und Wirklichkeit nicht auseinander: Mit 172 Minuten Spieldauer ist sein Debüt «The Epic» schon quantitativ ein Riesen-Epos. Und auch rein qualitativ.

Kamasi Washington: Maßlos, magisch, meisterlich
Kamasi Washington: Maßlos, magisch, meisterlich

Denn diese maßlose, magische Jazz-Platte wird völlig zu Recht als Meisterwerk gefeiert, wie es nur alle Jubeljahre vorkommt. Auf dem 3-CD-Album ist so einiges anders, als es man es vom Erstling eines jungen, fast unbekannten Musikers in einem Nischen-Genre erwartet.

So wuchs der 32-jährige afro-amerikanische Saxofonist in den Problembezirken von Los Angeles auf - er entspricht also schon mal nicht dem Klischee des coolen schwarzen Jazzers von der Ostküste. Und Washington erlangte erste Aufmerksamkeit auch nicht im Jazz, sondern in Hip-Hop und experimenteller Elektronik, als Mitstreiter von Lauryn Hill, Snoop Dogg, Kendrick Lamar und Flying Lotus.

Die Leistungsexplosion in den 17 oft ausufernden Stücken von «The Epic» (Brainfeeder/Ninja Tune/Rough Trade) kann diese Vorgeschichte aber nicht erklären. Dabei hat Washington sein Großwerk nicht einmal mit bekannten Größen des zeitgenössischen Jazz eingespielt, sondern mit einer elfköpfigen Band aus lauter Freunden der L.A.-Szene, einem 20-köpfigen Chor und einem 32 Musiker umfassenden Orchester.

Schon in «Change Of The Guard», dem gut zwölfminütigen Opener von CD 1, lässt Washington ekstatische Bläser und entfesseltes Klavierspiel auf abgedrehte Weltraum-Chorgesänge à la «2001 - A Space Odyssey» und kühne Streichersätze treffen. Das anschließende «Askim» frönt (nicht zum letzten Mal) dem Latin-Jazz und stellt den kraftvollen Tenorsaxofon-Sound des Bandleaders ins Schaufenster.

Beide Tracks klopfen beim Free Jazz an - aber keine Sorge: Auch in ihren avantgardistischen Abschweifungen sind diese Kompositionen nie verkopfte Schauveranstaltungen nur für Genre-Kenner oder gar schrille Kakofonie. Erst recht nicht in der wunderschönen, orgelverzierten Ballade «Isabelle», die - und das gilt nicht nur hier - an die ganz großen Vorbilder erinnert: an Miles Davis, John Coltrane, Wayne Shorter, McCoy Tyner, Charlie Mingus beispielsweise. Dennoch ist «The Epic» auch nie Retro-Veranstaltung, sondern jederzeit hochmodern.

«Ich wollte zunächst versuchen, aus 45 Songs etwas für eine einzige Disc auszuwählen», erzählte Kamasi Washington dem «L.A. Weekly». Aber dann, so schilderte der Mann mit der üppigen Afro-Frisur dem Magazin, begann er seine Musik regelrecht in Bildern zu träumen, und das Vorhaben wurde immer größer.

Zum Glück, kann man nur sagen, sonst wäre nach den fabelhaften 66 Minuten von CD 1 schon Schluss gewesen. Und man hätte etwa «Clair De Lune» auf CD 3 verpasst, in dem Washington und seine Freunde die traumhaft schöne, impressionistische Klavier-Melodie von Claude Debussy in den Cool Jazz überführen (die Sängerin Janelle Monáe hatte Ähnliches schon mal mit Erfolg als Klassik/Soul-Crossover probiert).

Wie nach dem vertrauten Piano-Motiv, von Tastenmann Cameron Graves sensibelst eingeführt, Bläser die Führung übernehmen, der akustische Bass von Miles Mosley brummelt und ein himmlischer Chor hinzutritt, das ist große Kunst. Und natürlich darf Washington, der als Arrangeur die gewaltigen Klangmassen dieses Albums stets souverän ordnet, auch in «Clair De Lune» wieder als Solist auftrumpfen.

Funk im Stil eines Stevie Wonder der 70er Jahre und Soul (vor allem im glühenden Gesang der «Epic»-Vokalisten Dwight Trible und Patrice Quinn, etwa im prachtvollen «The Rhythm Changes») sind ebenfalls Ingredienzen des Washington-Gebräus. Dass die Texte - etwa «Malcolm's Theme» über den 1965 ermordeten US-Bürgerrechtler Malcolm X - in Zeiten neuer rassistischer Verbrechen an schwarzen Amerikanern hochpolitisch sind, muss da kaum noch erwähnt werden.

«Mein Album hört sich für mich nach der modernsten Form des Jazz an», sagte Kamasi Washington der Berliner «Tageszeitung» (taz) über sein fast dreistündiges Monumentalwerk. Der Mann kann sich dieses Selbstbewusstsein leisten. Man denkt an Frank Zappa, der vor länger Zeit spöttelte: «Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch.» Nein, «The Epic» duftet.