Lokführerstreik trifft Millionen Pendler und Reisende

Der längste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn zwingt Millionen Pendler und Reisende zum Umsteigen. Mitglieder der Lokführergewerkschaft GDL haben ihren Ausstand auf Fernzüge, Regionalbahnen und S-Bahnen in ganz Deutschland ausgeweitet.

Lokführerstreik trifft Millionen Pendler und Reisende
Tobias Hase Lokführerstreik trifft Millionen Pendler und Reisende

Sie wollen ihre Arbeit erst am Sonntag wieder aufnehmen. Der fast einwöchige Arbeitskampf, der bereits am Montagnachmittag im Güterverkehr begann, ist der achte im derzeitigen Tarifkonflikt. Ökonomen befürchten Millionenschäden für die Wirtschaft. Aus der Politik werden nun Rufe nach einer Zwangsschlichtung lauter.

Viele nahmen das Auto und gerieten vor allem in den Ballungsgebieten in sehr dichten Verkehr - weitaus dichter als an normalen Arbeitstagen. «Wer keine Alternative zum Auto hat, steht fast zwangsläufig im Stau», sagte eine Sprecherin des Automobilclubs ADAC.

Der Zugverkehr nach Ersatzfahrplänen laufe stabil, teilte die Bahn in Berlin mit. Im Fernverkehr sollten 245 statt der sonst üblichen 804 Züge eingesetzt werden. Im Regionalverkehr seien je nach Gebiet zwischen 15 und 60 Prozent der Züge unterwegs.

Mit besonderen Problemen hatte das Unternehmen im Osten der Republik gerechnet, wo es kaum beamtete Lokführer gibt, die nicht streiken dürfen. Später sagte ein Bahnsprecher, es könnten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen etliche Züge mehr fahren als geplant, weil mehr Lokführer zur Arbeit erschienen seien als erwartet. Die GDL äußerte sich zunächst nicht zur Streikbeteiligung.

Auch die S-Bahnen waren stark beeinträchtigt. In Hamburg fuhren sie auf den Stammlinien im 20-Minuten-Takt. In Berlin wurde etwa die Hälfte der Linien ebenfalls im Abstand von 20 Minuten bedient. Im Rhein-Main-Gebiet fuhren die meisten Linien im Stunden-Takt oder fielen gleich ganz aus.

Der Streik wird nach Einschätzung von Ökonomen auch die Wirtschaft vorübergehend bremsen. Die Kosten in dem aktuellen Bahnstreik könnten sich auf bis zu 750 Millionen Euro summieren, wie Konjunkturexperte Stefan Kipar von der BayernLB erklärte. Noch gefährlicher schätzen Ökonomen die langfristigen Folgen ein - denn der Ruf des Standorts Deutschland könnte Schaden nehmen.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) befürchtet nach drei bis vier Tagen Streik Produktionsunterbrechungen, weil die Logistikketten unterbrochen sind. Besonders betroffen seien Branchen, deren Güter nicht so einfach auf Lastwagen oder Schiffe umgeladen werden können - also die Stahlindustrie, aber auch der Fahrzeugbau und die chemische Industrie.

Mehrere Unionspolitiker forderten eine Zwangsschlichtung. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Michael Fuchs (CDU), sprach sich für die Einführung eines gesetzlichen Schlichtungsverfahrens im Bahn- und Luftverkehr aus. «Bevor gestreikt wird, sollen die Parteien miteinander reden - wie erwachsene Menschen», sagte er der «Bild»-Zeitung.

Der Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, verlangte «klarere Regeln für Arbeitskämpfe». «Ein Mediationsverfahren sollte immer Vorbedingung von Streiks sein, ergänzt um eine angemessene Ankündigungspflicht von vier Tagen», schlug Ziemiak vor.

Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky hatte am Montagabend erneut die von der Bahn vorgeschlagene Schlichtung abgelehnt. Es gehe um grundgesetzlich geschützte Rechte der GDL-Mitglieder, sagte er im ZDF. «Wir lassen nicht über Grundrechte schlichten.» 

Der Fahrgastverband Pro Bahn regte statt einer Schlichtung an, einen Moderator einzuschalten. Bei einer Moderation gehe es erst mal darum, die Fähigkeit herzustellen, miteinander zu sprechen, sagte der Ehrenvorsitzende von Pro Bahn, Karl-Peter Naumann, der «Rheinischen Post». «Als Moderator könnten wir uns den früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, vorstellen.» Auch zu diesem Vorschlag äußerte sich die GDL zunächst nicht.