Pokal-«King» Hecking: «Fühlt sich bekloppt an»

Der für eine Abschiedsparty schon vorbereitete Borsigplatz blieb leer. Statt Jürgen Klopp präsentierte Dieter Hecking gut 30 000 jubelnden Fans den begehrten DFB-Pokal - und versetzte 300 km entfernt von der Dortmunder Kultstädte Wolfsburg in einen bisher kaum gekannten Siegerrausch.

«Anderthalb Stunden können wir noch feiern und dann haut endlich ab, ich kann euch nicht mehr sehen», rief Hecking erschöpft von der Dauerparty beim triumphalen Empfang in Wolfsburg am Sonntagnachmittag.

«Ich bin wahnsinnig stolz darauf», sagte der Wolfsburger Coach nach dem 3:1-Finalsieg seines VfL über den BVB: «Es war eine herausragende Saison. Das kann einen Schub geben.» Nah an der Tränen-Grenze ergänzte der 50-Jährige: «Es fühlt sich total bekloppt an.»

Heckings Gefühlsausbruch nach seinem ersten Titel als Fußball-Lehrer war nicht als Spitze für seinen enttäuschten Kollegen Klopp gedacht. Aber er skizzierte die Stimmung nach dem 72. nationalen Cup-Finale treffend. Ex-Meister Borussia hat nach 319 Vollgas-Pflichtspielen in mehr als sieben Jahren nicht nur Kulttrainer Klopp verloren, sondern auch die Position als Fußball-Macht Nummer zwei im Weltmeisterland Deutschland. «Es wird nicht einfach für den BVB, in der kommenden Saison ganz oben mitzuspielen. Wolfsburg kann vom Potenzial her die zweite Kraft hinter Bayern werden», sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Hecking hatte schon im Moment seines bislang größten Triumphes, der seinem Club die Rekord-Pokalprämie von 3,5 Millionen Euro beschert, sogar seine sonstige Bescheidenheit abgelegt. Nach dem verdienten Sieg zog er eine Baseballkappe mit der Aufschrift «King» auf. «Meine beiden Söhne liefen heute mit der Mütze herum. Der eine hat dann gesagt, wenn Du den Pokal holst, dann setzt Du bitte diese Mütze auf», erzählte Hecking: «Und ein Vater kann seinem Sohn nichts ausschlagen. Deswegen sitze ich hier mit der Mütze. Aber sie passt.»

Noch während der Pressekonferenz begann für «King» Hecking und seine Pokalhelden die lange Party, die bis in den späten Sonntag hinein andauern soll. Die Kappe wurde von einer Bierdusche der VfL-Stars Naldo und Vieirinha von Heckings Kopf gespült. Im Berliner Szeneclub «Schindler & Klatt» an der Spree erlebte die Feier für die Torschützen Luiz Gustavo (22. Minute), Kevin De Bruyne (33.) und Bas Dost (38.) sowie alle anderen Wolfsburger ihren ersten Höhepunkt.

Als «Feierbiest» erwies sich vor allem Jungstar Maximilian Arnold. «Ab der 80. Minute habe ich richtig Gänsehaut bekommen. Ich habe gefroren, mir war kalt, ich hatte Schüttelfrost, ich habe mich gefreut, es war richtig was los. Es ist so geil», stammelte Arnold tief in der Nacht und gab die Prämisse aus: «Wenn wir uns heute komplett abschießen, ist das genau richtig.»

Mit der bierseligen Party ging es nach einer durchzechten Nacht in Berlin in Wolfsburg nahtlos weiter. Die meisten Spieler machten die Nacht durch und kamen direkt zur Sonderzug-Abfahrt in der Hauptstadt. Um 12.40 Uhr reckte VfL-Kapitän Diego Benaglio vor dem Wolfsburger Hauptbahnhof den wartendenden Fans den Pokal entgegen. Mehrere tausend Anhänger begleiteten das Team beim Autokorso bis zum Rathaus, wo bei der Ankunft zwei Stunden später weitere gut 28 000 Fans warteten und immer wieder Party-Gassenhauer anstimmten.

«Die Jungs, die Stadt, der Verein - alle sind stolz», sagte Naldo. Mit seinem von BVB-Torwart Mitch Langerek unglücklich abgelenkten Hammer-Freistoß hatte der Innenverteidiger die Final-Wende eingeleitet. Denn nach der frühen Führung von Pierre-Emerick Aubameyang (5.) hatte der BVB noch alle Trümpfe in ihrer Hand.

Dortmund nutzte sie nicht. «Man hat mir gesagt, dass es zu kitschig gewesen wäre, wenn wir zum Abschied des Trainerteams den Pokal gewonnen hätten, zu sehr American Style», bemerkte Klopp beim Dortmunder Pokal-Bankett in der Verlierer-Nacht. Statt vom LKW auf dem Borsigplatz formulierte im Berliner «Kraftwerk» seine Abschiedsgedanken: «Ich danke Euch für das Verständnis. Es ist nicht wichtig, wie man jemand findet, wenn er ankommt, sondern wenn er geht. Egal, wo ich hin gehe, ich werde euch nie vergessen.»

In 16 Minuten hatte zuvor der Vize-Meister VfL seine neuen Qualitäten präsentiert. Die Verantwortlichen um Allofs («Das ist eine große Genugtuung») werden alles dafür tun, dass anders als nach dem Meisterschaftsgewinn 2009 der VfL dauerhaft Bayern-Jäger Nummer eins ist und den Rekordmeister sogar gefährden kann. «Jetzt müssen wir wieder draufsatteln und noch kompakter werden, vielleicht noch ein bisschen Qualität dazuholen», betonte «Macher» Allofs.

Als vorrangige Aufgabe aber dürfte sich der Manager mit seinem Star De Bruyne beschäftigen, der als Bundesliga-Torscorer Nummer eins auf der Wunschliste vieler europäischer Topclubs ganz oben steht - trotz seines Vertrages beim VfL bis 2019. «Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt», wehrte der 23 Jahre junge Belgier im Jubel alle Fragen nach seiner Zukunft ab. Mit einer möglichen Gehaltsaufstockung könnte die VW-Filiale VfL ihrem Superstar die Entscheidung erleichtern.