Schmähgewitter: Promis am Online-Pranger

Was verbindet Angela Merkel, Til Schweiger und Dieter Nuhr? Alle mussten in jüngster Zeit einen sogenannten Shitstorm über sich ergehen lassen.

Schmähgewitter: Promis am Online-Pranger
Jörg Carstensen Schmähgewitter: Promis am Online-Pranger

Gegen die Bundeskanzlerin richtete sich ein Schmähgewitter, nachdem sie ein Flüchtlingsmädchen - unabsichtlich - zum Weinen gebracht hatte. Auf Schweigers Facebook-Seite posteten Dutzende Nutzer ausländerfeindliche Kommentare wegen eines Hinweises auf eine Spendenaktion für Flüchtlinge. Und über den Kabarettisten Dieter Nuhr rollte die Empörungswelle nach einer ironischen Bemerkung über Griechenland hinweg.

In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» setzte Nuhr sich zur Wehr: Die Anonymität des Internets bedeute «einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung», wetterte er. Dagegen regt sich Widerspruch: «Ich halte die pauschale Shitstorm-Kritik der letzten Tage für falsch», sagt der Tübinger Professor Bernhard Pörksen in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Hier zeigt sich, bei aller berechtigten Empörung über eine ungehemmte Aggression, eben auch eine Publikumsverachtung, die nur die Fronten verhärtet.»

Hexenverbrennung oder Publikumsverachtung - was stimmt? Eine pauschale Antwort ist schon deshalb unmöglich, weil die Treiber eines Shitstorms denkbar unterschiedlich sind. Am einen Ende des Spektrums stehen Neonazis und andere Menschenverächter. Wenn es um das Thema Flüchtlinge geht, müssen die Kommentarfunktionen von Zeitungen mitunter gesperrt werden. Bis hin zu Morddrohungen ist alles dabei. Das hat Dieter Nuhr im Blick, wenn er davon spricht, dass die «Vernichtung der abweichenden Meinung» angestrebt werde: «Ein Shitstorm ist ein Massenauflauf, der zum Ziel hat, den Andersdenkenden (...) mundtot zu machen.»

Dann gibt es jene, die grundsätzlich gegen alles polemisieren und so jede Debatte im Keim ersticken: «Trolle» werden sie genannt. Doch diese Gruppen allein können kaum hinter einem richtigen Shitstorm stecken. Denn der wird vom Adressaten ja genau deshalb als Sturm empfunden, weil so unglaublich viele Schmähungen auf ihn einprasseln. Die Wahrheit ist: Auch ganz normale Leute haben sich daran gewöhnt, im Internet sehr deutlich ihre Meinung zu sagen.

Prominente sind dabei für viele ein Hilfsmittel, um selbst wahrgenommen zu werden: «Bei Twitter etwa haben Sie ganz besondere Chancen, wenn Sie jemanden mit einem bekannten Twitter-Account in ihren Tweet aufnehmen und sich dann an eine aktuelle Debatte dranhängen», erläutert Prof. Martin Emmer, der die politische Kommunikation über Online-Medien erforscht.

Man kann diesen Nutzern Geltungssucht unterstellen - das würde dann aber auch auf die Promis zutreffen, die ja ebenfalls im Netz unterwegs sind, um wahrgenommen zu werden. Wie überhaupt so ziemlich alle mit einem Twitter- oder Facebook-Account.

Politologe Emmer hält die Entwicklung im Prinzip für erfreulich: «Die Öffentlichkeit demokratisiert sich einfach.» Das Problem beim Shitstorm ist vor allem die Schärfe. «Die digitalen Öffentlichkeiten sind sehr viel härter und direkter als all das, was früher in der massenmedialen Welt, abgepolstert und herausgefiltert durch journalistische Selektionsmechanismen, passiert ist.»

Nach Emmers Auffassung sind Politiker aber selber schuld, wenn sie wie Merkel auf «Schaufensterveranstaltungen ohne das Bemühen um einen ernsthaften Dialog» setzten: «Da darf man sich nicht wundern, wenn die Leute eher patzig reagieren.»

Für Pörksen ist der Shitstorm Ausdruck der neuen «Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters». In ihm spiegelten sich die großen gesellschaftlichen Fragen. «Man denke nur an die sogenannte Aufschrei-Debatte - hier ging es um den alltäglichen Sexismus gegenüber Frauen. Man denke nur an die Proteste gegen Markus Lanz - hier ging es um die äußerst relevante Frage: Wie viel Privatfernsehen vertragen die öffentlich-rechtlichen Medien? Ich sage daher: Wir müssen lernen, den Shitstorm zu lesen, ihn zu dechiffrieren.» Die Schmähungen müsse man dabei in Gedanken einfach wegstreichen, rät der Tübinger Professor.

Dieter Nuhr hofft darauf, dass sich das Netz langfristig selbst Regeln gibt: «Es ist die Aufgabe der kommenden Jahrzehnte, unter den Akteuren im Internet eine Kultur der Aufklärung zu schaffen, um die digitale Welt in ein bürgerliches Zeitalter zu überführen.» Noch vor 100 Jahren kam es in vielen Parlamenten regelmäßig zu Schlägereien. Vielleicht braucht es einfach seine Zeit, bis sich auch im Netz allgemein akzeptierte Umgangsformen durchgesetzt haben.