Staatsbesuch im Boot: Die Queen ist in Berlin

Eine kleine Geschichtsstunde bekommt die Königin von Angela Merkel persönlich. «Dort, wo der Zug fährt, da stand die Mauer», erklärt die Kanzlerin und zeigt mit dem Finger die Bahnlinie entlang. «Und ich habe in Ostdeutschland gelebt, nur 200 Meter hinter den Schienen.»

Staatsbesuch im Boot: Die Queen ist in Berlin
Michael Kappeler Staatsbesuch im Boot: Die Queen ist in Berlin

Elizabeth II. nickt interessiert und sagt «Yes». Im Kanzleramt schaut die 89-Jährige gleich am ersten Tag ihres dreitätigen Staatsbesuchs vorbei, 50 Jahre, nachdem sie als Signal der Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals zu Besuch kam.

Auch der fünfte Staatsbesuch beginnt mit politischer Symbolik. Er steht im Zeichen des angespannten Verhältnisses des Königreichs zur EU, über die Mitgliedschaft in der Union sollen die Briten spätestens 2017 abstimmen. Umso deutlicher zeigt das britische Staatsoberhaupt Einigkeit mit der deutschen Kanzlerin, die die Briten gern «Queen of Europe» nennen, und mit Bundespräsident Joachim Gauck.

Vor dessen Amtssitz Schloss Bellevue fährt der dunkelrote royale Bentley der Queen und ihres Mannes Prinz Philip am Mittwoch vor. Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt warten schon. Wie bei der Ankunft in Berlin am Vorabend ist das Wetter durchwachsen. Als eine Militärkapelle «God Save the Queen» spielt, zerren Windböen am weißen Mantel der Monarchin. Der Hut sitzt fest.

Nach dem Eintrag ins Gästebuch gibt es Geschenke. Das Bild «Pferd in Royalblau» lässt die Königin staunen: «Das ist eine lustige Farbe für ein Pferd», bemerkt sie trocken. Auf dem blauen Tier ist sie selbst zu sehen als etwa neun Jahre alte Prinzessin. Ihren Vater George VI. (1895-1952), der das Pony am Zügel hält, erkennt die Queen nicht gleich. Gemalt hat das Bild die Hamburger Künstlerin Nicole Leidenfrost nach einem Foto.

Was anschließend gesprochen wird am Tisch im Bundespräsidialamt, an dem neben den beiden Paaren nur eine Übersetzerin - natürlich mit Hut - sitzt, wird geheim bleiben. Dass es irgendwie um die EU geht, ist aber anzunehmen. Zu Fuß geht es anschließend an die Spree. Die 89 Jahre alte Königin und ihr 94 Jahre alter Mann wirken rüstig, auch wenn beide bedächtig gehen und aufpassen, nicht zu stolpern.

Die Bootstour durch das Regierungsviertel ist eine besondere Geste des Bundespräsidenten. Bisher ist Gauck in seiner Amtszeit noch nie mit einem Staatsgast vom Schloss aus über die Spree gefahren. Das Ufer ist von jubelnden Schaulustigen gesäumt, viele Schüler sind darunter, einige haben Union Jacks dabei. Das offene Holzboot «Ajax» ist Jahrgang 1926, wie der Besuch aus London. Besonders Gauck winkt viel. Die Bilder dürften einmal Geschichtsbücher zieren.

Dass die vier so bescheiden durchs Regierungsviertel tuckern, kommt gut an: «Dass das Schiff nicht so pompös war, finde ich ein sehr gutes Zeichen gegenüber der Öffentlichkeit», sagt etwa Jürgen Wielsch aus der Nähe von Stuttgart. «Was das alles kostet, ein Wahnsinn, das ganze Polizeiaufgebot», erbost sich ein Berliner Rentner, der seinen Namen nicht nennen will.

Nach der Ankunft geht es für die Königin weiter Richtung Kanzleramt. Merkel wartet am roten Teppich. Sie knickst nicht, sondern reicht die Hand. Queen und Kanzlerin kennen sich, vor eineinhalb Jahren war Merkel auf einen Tee im Buckingham-Palast. Das Video, das die beiden Frauen auf dem Kanzleramtsbalkon zeigt, hat die Bundesregierung sicher nicht ohne Hintergedanken veröffentlicht. Deutsche und Briten halten zusammen, lautet die Botschaft - am Nachmittag hatte auch Großbritanniens Premier David Cameron noch einen Termin bei Merkel.

Vor der wohlverdienten Mittagspause im Hotel Adlon macht die Queen an der Neuen Wache halt, Deutschlands zentraler Gedenkstätte für Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Elizabeth II., die während des Zweiten Weltkriegs selbst der Frauenabteilung der britischen Armee angehörte, steht andächtig vor der Skulptur «Mutter mit totem Sohn» von Käthe Kollwitz.

Lange ruhen Elizabeth und Philip sich nicht aus, bevor es weitergeht zum nächsten Termin in der Technischen Universität. Dort trifft die Gauck und Merkel wieder. Neil MacGregor, in Großbritannien als großer Deutschland-Erklärer bekannt, ist ein alter Bekannter. Der Leiter des British Museum wechselt noch in diesem Jahr nach Berlin ans Humboldtforum. Sein Vortrag «Symbols of a Nation» erklärt diesmal nicht die Deutschen, sondern die Briten, mit James Bond und akkurat getrimmtem Rasen.

Ein kleiner Roboter, der sehr menschenähnlich auf der Stelle trippelt, bringt die Queen zum Lachen. Auch Philip schaut amüsiert. Besuche an Unis und Schulen sind für die Royals Routine, aber eine Panorama-Kamera für Selfies mit Rundumblick scheint die 89-Jährige dann doch zu beeindrucken. Nach dem Bildungsprogramm macht das königliche Paar wieder eine Pause, bevor am Abend mit einem Staatsbankett im Schloss Bellevue der nächste Termin ansteht.

Es ist ein volles Programm, das die Königin absolviert. Mit Besuchen in Frankfurt am Main und der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen dürften Donnerstag und Freitag nicht weniger intensiv werden, und nebenbei will die Königin, so heißt es, sich so vielen Bürgern wie möglich zeigen. Wo sie auftaucht, wird am Mittwoch gejubelt und gewunken.

Merkel sagt im Kanzleramt, der Staatsbesuch - 50 Jahre nach dem ersten - sei etwas Besonderes. «Und ich finde, es ist ein außergewöhnliches Jahr - 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.» Darauf Elizabeth II.: «So ist es tatsächlich, nicht wahr. Es gibt so viele Jahrestage.»