Trouble in der Deutschland AG

Früher war alles besser. Das ist nicht nur ein Kaffee-Spruch von Oma und Opa. Auch manch ergrauter Manager zitiert ihn gern. Denn über Jahrzehnte war ein Topjob in der deutschen Wirtschaft oft eine todsichere Sache.

Trouble in der Deutschland AG
Arne Dedert Trouble in der Deutschland AG

Wer nicht in die Kasse griff oder sich anderweitig völlig daneben benahm, war an der Spitze eines Dax-Konzerns oder großen Familienunternehmens nahezu unangefochten.

Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp hielt sich in Stuttgart zehn Jahre, obwohl er mit der Idee vom Weltkonzern Milliarden verbrannte oder des Nachts auf der Spanischen Treppe in Rom einen bemerkenswerten  Auftritt hinlegte. Die Nähe zum Aufsichtsratschef Hilmar Kopper von der Deutschen Bank und die Mitgliedschaft in der «Deutschland AG» schützten ihn lange vor Kritik.

Mit Deutschland AG war ein Old-Boys-Netzwerk gemeint zwischen Banken, Industrie und Politik, geknüpft nach dem Krieg zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Es galt das Motto: Man kennt sich, man hilft sich. Eine wichtige Rolle spielte lange die Deutsche Bank - bis die Folgen der Globalisierung mit weltweiten Fusionen auch die Deutschland AG zerlegten. Viele «deutsche» Unternehmen sind längst mehrheitlich im Besitz ausländischer Investoren.

Über zahllose Industrie-Beteiligungen und Kontakte bestimmte das Frankfurter Geldhaus entscheidend mit, wer wo was in der Wirtschaft wurde. Legendär in dieser Rolle war der Bankier Hermann Josef Abs, erster Vorstandssprecher nach dem Neustart der Deutschen Bank 1957. Auch der vor zwei Jahren gestorbene Krupp-Patriarch Berthold Beitz galt als einer dieser großen Patriarchen der deutschen Wirtschaft, ohne die in ihrem Machtkreis nichts ging.

Inzwischen hat sich die Welt gedreht: Quartalsberichte, das Auf und Ab beim Aktienkurs, Compliance-Regeln für jede Aufmerksamkeit, ungeduldige Finanzinvestoren, strenge Bankenaufseher, aufmüpfige Gewerkschafter oder genervte Kunden in sozialen Medien bestimmen über das Wohl und Wehe von Führungskräften mit.

Die jüngsten, öffentlich ausgetragenen Machtkämpfe bei Volkswagen und der Deutschen Bank, die Unruhe bei Siemens zeigen trotz aller Unterschiede in den Problemlagen: Die Ära des Durchregierens scheint passé. Das gilt selbst für Aufsichtsratschefs, die früher allmächtige Strippenzieher waren - und dutzendfach Mandate anhäuften.

VOLKSWAGEN lieferte unlängst das spektakulärste Beispiel: In Wolfsburg überschätzte VW-Patriarch Ferdinand Piëch seinen Einfluss. Über Nacht wollte er seinen alles in allem ziemlich erfolgreichen Ziehsohn Martin Winterkorn als Vorstandsvorsitzenden demontieren («Ich bin auf Distanz zu Winterkorn»). Doch es kam anders - die übrige Spitze des VW-Aufsichtsrates drehte den Spieß um, sprach Winterkorn das Vertrauen und Piëch das Misstrauen aus. Piëch warf seinen Posten hin - eine Zeitenwende bei Europas größtem Autobauer.

DEUTSCHE BANK: Dort übernahm Paul Achleitner 2012 den Vorsitz des Aufsichtsrates. Der Ex-Allianz-Finanzvorstand sollte nach der Finanzkrise den Neuanfang einleiten, dem Branchenprimus ein sauberes Image verpassen. Doch ein Skandal jagte den nächsten. Der als Befreiungsschlag gedachte Konzernumbau mit dem Verkauf der Postbank fiel an der Börse durch. Nun gehen die Co-Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen - und werden durch John Cryan ersetzt, einen Briten, der anders als die Vorgänger bislang keinen «Stallgeruch» bei Deutschlands größter Bank hat.

SIEMENS: Beim Technologiekonzern aus München läuft auch schon lange nicht mehr alles rund. Vor knapp zwei Jahren zog Aufsichtsratsboss Gerhard Cromme die Notbremse. Der glücklose Österreicher Peter Löscher musste gehen, Cromme entschied sich für Joe Kaeser. Einer aus den eigenen Reihen, mit viel Siemens-«Stallgeruch». Manchmal reicht das aber nicht. Gerade schrieb die «Süddeutsche Zeitung» in einem mit «Joe Überall» überschriebenem Dossier, viele im Konzern seien irritiert, weil Kaesers Strategie unklar sei.