Zerreißprobe bei den Berliner Philharmonikern

Sie tagten von morgens zehn bis nach Sonnenuntergang und konnten sich am Ende doch nicht einigen: Mit der verpatzten Suche nach einem Nachfolger für Chefdirigent Simon Rattle haben sich die Berliner Philharmoniker in eine Schieflage manövriert.

Die gescheiterte Wahl hat eine tiefe Meinungskluft im Orchester offenbart, das Weltklasse-Ensemble hat eine Schramme bekommen. Innerhalb eines Jahres wollen sich die Philharmoniker nun wieder zur Abstimmung treffen.

Man habe sich auf keinen Dirigenten einigen können, gestand Orchestervorstand Peter Riegelbauer am Montagabend vor frierenden Journalisten und Kameraleuten an der nur spärlich beleuchteten Jesu-Christi-Kirche in Berlin-Dahlem. Der Versammlungsort war fast wie ein Staatsgeheimnis behandelt worden, die Musiker mussten für die Beratungen ihre Handys abgeben.

Ob Christian Thielemann oder Andris Nelsons, Gustavo Dudamel oder Daniel Barenboim - sie und die anderen Kandidaten wissen jetzt, dass ihr Name unter den 124 stimmberechtigten Musikern keinen Konsens findet. Die Philharmoniker sind aber optimistisch: Man gehe davon aus, dass das Verhältnis zu den Dirigenten ungetrübt bleibe.

Vorherige Personalien des selbstverwalteten Orchesters waren geräuschlos über die Bühne gegangen. Für Herbert von Karajan sprachen sich die Philharmoniker 1954 einhellig aus. Erst danach wurden die Wahlen wirklich demokratisch. Bei Claudio Abbado stand der Italiener 1989 zunächst nicht auf der Liste. Im Gespräch waren Carlos Kleiber, Barenboim, Mariss Jansons und auch Rattle - Abbado wurde Überraschungssieger. Auch bei Rattles Wahl 1999 wurde lange diskutiert, Barenboim zeichnete sich als erste Wahl ab und wurde es dann doch nicht. Die Öffentlichkeit erfuhr damals kaum etwas.

Und dieses Mal? Rattle hat schon 2013 erklärt, dass er nach 2018 nicht mehr zur Verfügung steht. Mit langem Vorlauf kündigte das Orchester die Neuwahl an. Am Montag wollte man ursprünglich schon nach vier Stunden den Neuen verkünden. Doch in dem nun sichtbar gewordenen Streit geht um mehr als Namen.

Wo der Riss genau verläuft, lässt sich nur ahnen. Nach mehr als zehn Jahren wünscht sich ein Teil des Elite-Ensembles eine andere Vision. Programme für kulturferne Jugendliche, eine «Digital Concert Hall» für Musik-Streaming, das Orchester live im Kino - die öffentlich geförderten Philharmoniker sind zwar im 21. Jahrhundert angekommen, einige vermissen aber ein deutliches künstlerisches Profil.

Immer wieder gab es interne Kritik an Rattles Programmen, die zwar breitgefächert seien, aber für viele die sinfonische Musik des 19. Jahrhunderts und den für die Philharmoniker charakteristischen Klang vernachlässigten. Wie beim Streit um die Berliner Volksbühne zwischen Event- und Hochkultur geht es auch bei den Philharmonikern um die Rolle öffentlich geförderter Kulturinstitutionen.

Eine starke Strömung im Orchester favorisiert den Traditionalisten Christian Thielemann (56), Chef der Staatskapelle Dresden. Der einstige Karajan-Assistent gilt als Konservativer mit einem Hang zu den spätromantischen deutschen Werken und Komponisten wie Richard Wagner, Johannes Brahms und Richard Strauss.

Viele sehen dagegen Thielemanns Repertoire als zu begrenzt an, mögen auch seine politische Haltung nicht, die er etwa in jüngsten Zeitungsbeiträgen zu Pegida äußerte. Jemand wie der 36-jährige Nelsons sei da eher zukunftsfest.

Und was sagt das Publikum? Zu den Journalisten vor der Berliner Kirche gesellten sich am Montagabend auch Nachbarn, viele von ihnen Musikfreunde und Fans des Orchesters. Einige erinnerten an ihr letztes Erlebnis in der Philharmonie, fachsimpelten und sprachen sich für oder gegen diesen oder jenen Kandidaten aus. Die Philharmoniker selbst suchten derweil nach dem richtigen Chef - vergeblich.