Berliner Start-ups zwischen Hype und Realität

«Arm, aber sexy» - manch einer pflegt immer noch das Image von Berlin als Künstlerstadt ohne Geld. Dabei entwickelt sich gerade eine neue Wirtschaftsbranche in der deutschen Hauptstadt. Berlin ist zu einem der Lieblingsstandorte junger Online-Unternehmen in Europa geworden.

Berliner Start-ups zwischen Hype und Realität
Kay Nietfeld Berliner Start-ups zwischen Hype und Realität

Viele Start-ups in Bereichen wie E-Commerce, Online-Spiele oder soziale Netzwerke ziehr es hierher. Allein im Jahr 2012 zählten die Berliner Statistiker 1063 Gewerbeanmeldungen von Unternehmen, die «Dienstleistungen der Informationstechnologie» anbieten wollen.

Auch im Ausland wird die Berliner Start-up-Szene wahrgenommen - international bekannt sind etwa die Audio-Plattform Soundcloud, der Onlinespiele-Spezialist Wooga oder 6Wunderkinder, die Macher der von Apple gelobten Aufgaben-App «Wunderlist».

Doch Kritiker - unter anderem aus dem Silicon Valley - weisen gern darauf hin, dass das heiße Start-up-Pflaster Berlin bisher kaum wirklich große «Exits» hervorgebracht habe. Der Begriff steht für Verkäufe oder Börsengänge, und die Berliner Internet-Firmen sind von der Milliarden-Liga von Facebook oder Twitter noch weit entfernt.

Das Jahr 2013 zeigte auch, wie selbst von viel Hype begleitete Berliner Internet-Firmen scheitern können. So wurde die Bewertungs-Plattform Amen vom Videodienst tape.tv aufgeschnappt. Und 6Wunderkinder schluckte den gut ein Jahr zuvor gestarteten Kommunikationsdienst Moped.

Die Auslese trübt jedoch nicht die Langzeitprognose zum Beispiel der Unternehmensberatung McKinsey, die davon ausgeht, dass die Start-ups bis zum Jahr 2020 über 100 000 neue Jobs in Berlin schaffen können. Davon entstünden 40 000 bei den Internet-Unternehmen selbst und der Rest durch «Multiplikatoreneffekte» in anderen Bereichen.

Berlin profitiere davon, dass es ein kostengünstiger Geschäftsstandort sei, stellte McKinsey fest. Zugleich fehle es aber an größeren zu flexiblen Konditionen mietbaren Büroflächen. Auch die vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen könnten aktiver sein.

Allerdings weist der Internet-Unternehmer und Serien-Gründer Marco Börries auf einen sehr wichtigen Vorteil Berlins im international veranlagten Start-up-Geschäft hin: Für Ausländer ist es deutlich einfacher, nach Deutschland arbeiten zu gehen im Vergleich zu den chronisch ausgeschöpften Visums-Kontingenten in den USA.

Start-ups bräuchten vereinfacht gesagt Geld, Ideen und Personal, erklärt Jochen Steinbicker, Soziologe an der Humboldt-Universität zu Berlin. So sei «ein Angebot an mehr oder weniger ungebundenen und hoch qualifizierten Leuten, die sich auf ein vielleicht kurzlebiges Projekt mit unterdurchschnittlicher Bezahlung einlassen», ein Vorteil für einen Start-up-Standort.

Ralf Wenzel, Geschäftsführer des Start-ups Foodpanda, drückt es positiver aus: «Berlin bietet sich als Standort an, weil es sehr guten und einfachen Zugang zu jungen Talenten bietet.» Die Online-Plattform für Essenslieferanten hat Wenzel vor rund einem Jahr in Singapur mitgegründet. Obwohl Foodpanda seine Dienstleistung in keinem einzigen deutschsprachigen Land anbietet, ist die Zentrale vor etwa acht Monaten von Singapur nach Berlin umgezogen.

Die niedrigen Kosten für Büroräume hätten auch für die deutsche Hauptstadt gesprochen, sagt Wenzel. Entscheidend sei aber der Markt an Arbeitskräften in Berlin gewesen. Zwar gebe es auch in Singapur gute Arbeitnehmer, räumt der Foodpanda-Chef ein. «Sie bekommen aber nicht diese Vielfalt.» Egal ob Programmierer, Designer, Produktentwickler oder Marketing-Experten - Berlin sei ein riesiger Pool an Personal. Außerdem kämen hier Menschen aus verschiedenen Kulturen, die unterschiedliche Sprachen sprächen, zusammen.