Bernanke lässt Börsen weltweit ins Minus rauschen

Mit vagen Worten über ein mögliches Anziehen der Geldschraube hat US-Notenbankchef Ben Bernanke die Aktienmärkte weltweit auf Talfahrt geschickt. Auch die Preise für Gold und Öl gaben am Donnerstag deutlich nach.

Bernanke lässt Börsen weltweit ins Minus rauschen
Jim Lo Scalzo

Bernanke hatte am Mittwoch einen schrittweisen Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank Fed noch in diesem Jahr nicht ausgeschlossen. Über seine eigene Zukunft wollte der Fed-Chef jegliche Spekulationen vermeiden.

Klare Voraussagen zur Geldpolitik vermied Bernanke: Alles komme auf die Entwicklung in den nächsten Monaten an. «Unsere Politik ist in keinster Weise vorbestimmt und hängt von den eingehenden Daten und Vorhersagen ab», sagte Bernanke.

Sämtliche Börsen reagierten negativ auf Bernankes Bemerkungen. Der Nikkei-Index in Tokio verlor 1,74 Prozent, der Dow Jones Industrial setzte seine Abwärtsbewegung vom Vortag am Donnerstag fort und verlor bis zum Mittag (Ortszeit) knapp 1,4 Prozent. Tags zuvor war der Dow nach den mit Spannung erwarteten Aussagen der Fed bereits um 1,35 Prozent gefallen.

Die Sorgen über eine mögliche Drosselung der lockeren US-Geldpolitik und chinesische Konjunkturdaten drückten den Dax am Donnerstag tief ins Minus. Der Leitindex schloss 3,28 Prozent tiefer bei 7928,48 Punkten auf dem niedrigsten Stand seit Ende April.

Die rotierende US-Notenpresse beflügelt die Börsen seit Jahren: Die Fed kauft zur Stützung der Konjunktur monatlich Anleihen im Wert von 85 Milliarden Dollar auf. Seit der schweren Finanzkrise 2008 liegen die Zinsen auf einem historischen Tief von null bis 0,25 Prozent. Die Nervosität, die derzeit an den Märkten umgeht, beruht vor allem auf der Frage, ob ein Ende der Liquidität das zarte Pflänzchen der Konjunktur ersticken könnte.

Sollten die Konjunkturdaten erwartungsgemäß ausfallen, sei eine erste Reduzierung der Käufe «später in diesem Jahr» möglich, sagte
Bernanke. Danach könnten sie schrittweise verringert und Mitte 2014
komplett eingestellt werden. An der Zinspolitik dürfte die Notenbank allerdings auf längere Sicht nicht rütteln. Aus Fed-Kreisen hatte es zuvor gegensätzliche Signale über den weiteren geldpolitischen Kurs gegeben.

Um Sorgen über ein Ende des Ausschwungs zu zerstreuen, bemühte sich Bernanke um eine bildhafte Sprache: «Um einen Vergleich vom Autofahren zu benutzen: Jede Verlangsamung im Anleihenverkauf ist ein bisschen wie vom Gaspedal zu gehen, während das Auto beschleunigt - nicht aber, damit zu beginnen, auf die Bremse zu treten.»
 
  Eigentlich sind Bernankes Kommentare Anzeichen für eine Erholung der US-Konjunktur und damit eine gute Nachricht - allerdings wirkten die Gegenmaßnahmen der Fed an den Märkten nach Einschätzung mancher Ökonomen wie eine Droge, die nun entzogen wird.

In den USA zeigen die Konjunktursignale eine leichte Besserung an. Der Sammelindex der wirtschaftlichen Frühindikatoren stieg im Mai verglichen mit dem Vormonat um 0,1 Prozent, wie das private Forschungsinstitut Conference Board am Donnerstag mitteilte.

Der Fed-Chef wies auch auf Fortschritte am Arbeitsmarkt hin. Insgesamt hätten sich die Risiken für die Wirtschaft seit dem vergangenen Herbst verbessert, heißt es auch in einer Mitteilung des Fed-Offenmarktausschusses, die zum Abschluss einer zweitägigen Sitzung veröffentlicht wurde. Dennoch sei die Arbeitslosenquote nach wie vor hoch - sie liegt derzeit bei 7,6 Prozent. Um eine stärkere Erholung zu stützen, würden die Anleihenverkäufe daher vorläufig fortgesetzt.

Auch die Ölpreise sind am Donnerstag stark unter Druck geraten. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur August-Lieferung fiel bis zum späten Nachmittag auf 102,95 US-Dollar. Das waren 3,17 Dollar weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Juli-Lieferung sank um 2,88 Dollar auf 95,36 Dollar. Die Commerzbank sprach von «panikartigen Verkäufen» an den Rohstoffmärkten. Der Preis für eine Feinunze Gold fiel erstmals seit September 2010 unter die Marke von 1300 US-Dollar. Zuletzt kostete die Unze 1226 Dollar, 57 Dollar weniger als am Vortag.