Beschwipster Vettel nach Gala-Nachtschicht

Leicht beschwipst schickte Sebastian Vettel kurz vor Mitternacht nach seiner Gala-Fahrt von Singapur noch eine Kampfansage an seine erstaunlich schwächelnden Mercedes-Titelrivalen.

Beschwipster Vettel nach Gala-Nachtschicht
Rungroj Yongrit Beschwipster Vettel nach Gala-Nachtschicht

«Vielleicht können wir das Unmögliche möglich machen. Wir werden es versuchen», sagte der Ferrari-Star mit einem breiten Champagner-Grinsen. Auch von einem Zuschauer auf der Strecke hatte sich Vettel bei seinem dritten Formel-1-Saisonerfolg am Sonntag nicht beirren lassen. Während sich im Fahrerlager unterm Riesenrad jubelnde Ferraristi in die Arme fielen, herrschte im Mercedes-Motorhome nach dem frühen Aus von WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton und Platz vier von Nico Rosberg Ratlosigkeit und Sorge.

«Bei uns kratzen sich alle die Köpfe, wir verstehen es auch nicht. Das war ein sauschlechtes Wochenende fürs Team», gab Rosberg zu. Sechs Rennen vor Saisonende muss er jetzt um seinen zweiten WM-Platz bangen. Vettel rückte dank seines 42. Karrieresiegs, mit dem er in der ewigen Bestenliste Rennlegende Ayrton Senna überholte, bis auf acht Punkte an Landsmann Rosberg heran. Hamilton liegt nur noch 49 Zähler vor Vierfach-Weltmeister Vettel, der in Singapur Daniel Ricciardo im Red Bull und Ferrari-Mitstreiter Kimi Räikkönen auf die Plätze zwei und drei verwies.

Der Hesse hat damit nun die Hälfte der acht bisherigen Rennen auf dem Marina Bay Street Circuit als Sieger beendet. Schon am Samstag hatte der Heppenheimer in der Qualifikation Ferrari die erste Pole Position seit 1155 Tagen beschert. «Das Adrenalin ist noch sehr weit oben», meinte Teamchef Maurizio Arrivabene am Sonntag glücklich.

Eigentlich wollte er bei vier Saisonerfolgen barfuß 100 Kilometer nach Maranello laufen, nach dem dritten Sieg erhöhte er flugs auf fünf. Höchsten Respekt nötigte die Vettels Vorstellung aber auch Mercedes-Teamaufsichtsratschef Niki Lauda ab: «Das war eine unglaubliche Leistung von Sebastian.»

Vor dem Singapur-Wochenende hatten alle noch vermutet, Hamilton würde mit Vettel und vor allem seinem Kindheitsidol Senna in der Anzahl der Siege gleichziehen. Doch nach drei völlig verkorksten Tagen auf dem spektakulären Stadtkurs musste der 30-Jährige sein Auto schon nach der Hälfte des 13. von 19 Saisonläufen abstellen. «Es ist noch ein langer Weg», bekannte Hamilton mit Blick auf die WM, «da kann man noch viele Punkte verlieren». Bereits am kommenden Sonntag geht es auf Vettels Lieblingskurs im japanischen Suzuka weiter.

In Singapur war aber von Beginn an einiges anders. Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren stand kein Silberpfeil auf der Pole Position, sondern Vettel. 23 Rennen in Serie hatten entweder Hamilton oder Rosberg zuletzt ganz vorn geparkt, bei 24 steht die einst von Williams aufgestellte Bestmarke.

Kurz vor dem Start erschreckte das Weltmeister-Team noch ein Problem mit der Software-Elektronik, Rosberg blieb an der Boxenausfahrt stehen. Erst in letzter Minute reihte sich der Deutsche in die Startaufstellung ein. Als die roten Ampeln erloschen, waren er und Hamilton auch den Plätzen sechs und fünf jedoch ohne Chance - zu keiner Phase des Wochenendes hatte es das deutsche Werksteam geschafft, die Reifen auf Optimal-Haftung zu bringen.

Vettel dagegen wirkte unantastbar, der Singapur-Rekordsieger schien eine Klasse für sich. So musste erneut das Safety-Car für Spannung sorgen. Felipe Masse krachte mit seinem Williams nach einem Boxenstopp in den Force India von Nico Hülkenberg, für den das Rennen damit in der 13. Runde beendet war.

Wegen der Trümmerteile auf dem Asphalt rückte das Safety-Car aus, wie bislang in jedem Singapur-Grand-Prix. Vettels Polster war damit dahin, als das Rennen in der 19. Runde wieder freigegeben wurde. Doch nach ein paar engen Runden legte der Deutsche einen Zwischenspurt hin und verschaffte sich wieder Luft.

Dagegen wurde es für Mercedes immer schlimmer. Hamilton beklagte plötzlich technische Probleme, konnte nicht mehr Vollgas geben. Der Brite fiel zurück. «Ihr müsst mich aus dem Rennen nehmen», funkte der Titelverteidiger an die Box. In Runde 33 war der Nachtdienst für Hamilton vorbei. «Ich hatte einfach keine Power mehr», erklärte er.

Dann war erneut das Safety-Car gefordert, weil plötzlich ein Fan auf der Strecke spazierte. Nach wenigen Sekunden schlüpfte der Mann wieder durch ein Loch im Zaun. «Ich musste noch mal genau hinschauen. Ich wusste nicht, ob ich ein Problem mit den Augen habe oder da jemand auf der Strecke ist. Wir fahren dort mit 280 Sachen auf die Kurve zu. Ich würde nicht über die Strecke laufen», meinte Vettel. Am Ende war die Schrecksekunde nur eine Randnotiz, ehe das Sieger-Feuerwerk wieder einmal für Vettel zündete.