Bhopal: Chemie-Katastrophe und kein Ende

Es war eines der schlimmsten Chemieunglücke der Geschichte. Vor 30 Jahren explodierten Tonnen von hochgiftigem Methylisocyanat im indischen Bhopal. Auf die Katastrophe folgte eine zweite - die bis heute dauert.

Bhopal: Chemie-Katastrophe und kein Ende
Sanjeev Gupta Bhopal: Chemie-Katastrophe und kein Ende

An der Oberfläche sieht es idyllisch aus. Ein luftiger Mischwald steht auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik der Union Carbide Corporation, dazwischen ein paar Palmen - typische Vegetation für Zentralindien. Doch an manchen Ecken liegt ein beißender Geruch in der Luft, irgendetwas zwischen Chlor und Bleichmittel. «Eigentlich sollte das Gelände abgeschirmt sein wie die Ruine eines Atomkraftwerks», sagt T. R. Chouhan.

Der hochgewachsene Mann hat einst als Anlagenführer in dieser Pestizidfabrik in Bhopal gearbeitet. Bis vor 30 Jahren, als in der Nacht vom 2. auf 3. Dezember 1984 viele Tonnen des hochgiftigen Gases Methylisocyanat austraten. Tausende Menschen starben in nur wenigen Stunden, laut Menschenrechtlern bis zu 22 000 Menschen insgesamt - eines der schlimmsten Industrieunglücke in der Geschichte. Und bis heute liege der giftige Staub herum, sagt Chouhan. «Bei jedem Monsunregen wird noch mehr in den Boden gewaschen.»

Noch während Chouhan das erzählt, tutet in der Nähe ein Zug und erinnert daran, dass das Gelände keine drei Kilometer vom Bahnhof der 1,8-Millionen-Stadt entfernt liegt. Noch näher, viel näher lebt die 50 Jahre alte Nu Jaha. Nur eine breite Straße trennt ihre Hütte vom Fabrikgelände. «In dieser Nacht war überall Rauch, und die Augen tränten, als würde jemand Pfeffer und Chili verbrennen. Wir konnten nicht atmen», erzählt sie. «Wir sind einfach nur gerannt.»

Heute lebt Nu Jaha wieder am gleichen Ort, in J.P. Nagar, das zwar Kolonie genannt wird, aber eigentlich ein Slum ist. Ihr Sohn Afroz Khan war beim Unglück noch ein Kleinkind, heute leidet er an dauerhaften Kopfschmerzen, ihm fehlt eine Niere und er kann nicht einmal ein paar Minuten stehen. «Ich will so oft weinen und werde wütend, denn wenn es kein Gasunglück gegeben hätte, wäre unser Leben jetzt nicht so schwierig», sagt sie. «Das Leben geht so weiter, immer weiter, ich weiß nicht, wann es enden wird.»

Wo auch immer in J.P. Nagar die Tür über den offenen Abwasserrinnen aufgeht, klagen die Menschen über Schmerzen: Herzprobleme. Atemlosigkeit. Juckreiz. Schlechte Augen. Depressionen. Viele Kinder kommen mit Geburtsfehlern auf die Welt, wie etwa die heute sechs Jahre alte Enkelin von Hazra Bee. «Sie kann weder laufen noch sprechen», sagt die 57-Jährige und beginnt zu weinen.

Schuld ist dabei wahrscheinlich nicht nur das Gift von 1984. Laut Hilfsorganisationen gibt es eine zweite Katastrophe von Bhopal, die eher begann, und bis heute dauert. Denn vom Beginn der Produktion 1979 an habe Union Carbide den giftigen Abfall in Gruben auf dem Fabrikgelände geschmissen, sagt Sathyu Sarangi, Gründer der Sambhavna-Klink. Von dort aus verseuche der Giftmüll das Grundwasser.

«Mindestens 50 000 Menschen haben dieses Wasser, das sie mit Handpumpen holen, getrunken, und sich so Leber, Nieren, Lungen und Haut zerstört», meint Sarangi. Erst in diesem August - Jahrzehnte also nach dem Versenken des Mülls - habe es die Regierung des Landes geschafft, den Menschen in den betroffenen Teilen der Stadt Wasserleitungen zu legen.

«Das Problem ist, dass die Bodenverschmutzung die halbe Stadt betrifft», sagt Pravir Krishna, Hauptgeschäftsführer der Abteilung Gasentschädigung der Stadtverwaltung Bhopal. Ob eine Lösung zum Beispiel die Evakuierung des ganzen Gebietes oder die Waschung des Erdreichs sein könnte, will oder kann er nicht sagen. «Wir arbeiten daran.» Auch ein Versuch der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), wenigstens einen kleinen Teil des Giftmülls zu entsorgen, schlug 2012 fehl.

Drei Jahrzehnte seien vergangen, sagt Madhu Malhotra von Amnesty International, und das Leiden gehe weiter. «Eine nicht enden wollende Tragödie», sagt sie. Dabei schaut sie auf den Teich neben der Fabrik, der eigentlich eine Giftmüllgrube sei, die sich mit Wasser gefüllt hat.

«Es sieht trügerisch schön aus», sagt sie. Am Ufer fischen und baden ein paar Männer. «Die Fische verkaufe ich auf dem Markt am Bahnhof», sagt Vinod Matrubaba, der 30 Jahre alt ist, aber aussieht, als sei er Mitte 40. «Ich weiß, dass das Wasser chemisch verseucht ist, aber was soll ich machen? Ich bin arm und muss überleben.»