Bibi oder Bougi? Israel steht vor einer Schicksalwahl

«Eine Zeitung? Möchten Sie eine Zeitung?», fragt der kleine Mann im knallroten Overall und streckt den Passanten eine Ausgabe der rechten Gratis-Zeitung «Israel Hajom» entgegen.

«Geht wählen!», lautet die Schlagzeile der Zeitung, die als Sprachrohr des rechtsorientierten Regierungschefs Benjamin Netanjahu gilt. Und viele Israelis, die am Zeitungsmann vorbeikommen, haben genau das vor.

Gleich um die Ecke, im Zentrum Tel Avivs, der weltoffenen und liberalen Metropole am Mittelmeer, liegt die Ironi Alef-Schule, die heute eines der Wahllokale ist. Vor dem Eingang hängen Wahlplakate, die Jugendgruppen der verschiedenen Parteien sind dabei, ihre Stände aufzubauen.

Auf dem Schulhof sitzt Raya Tal mit ihrem Ehemann in der Sonne. «Ich habe Merez gewählt, um sicherzustellen, dass sie in der Knesset bleiben», sagt die ältere Dame. Die linksliberale Partei ist in diesem Jahr von der Sperrklausel bedroht, die im vergangenen Jahr von 2,0 Prozent auf 3,25 Prozent angehoben wurde. Tal hofft auf eine Mitte-Links-Koalition. «Aber eigentlich ist das egal, solange nur Bibi (Netanjahus Spitzname) nicht mehr an die Macht kommt.»

«Alles außer Bibi», so lautet auch der Slogan des Zionistischen Lagers, das für eine Wiederaufnahme von Friedensgesprächen mit den Palästinensern eintritt. Elad ist mit seiner Freundin gekommen, um dem Mitte-Links-Bündnis von Izchak Herzog (Spitzname Bougi) seine Stimme zu geben. «Wir brauchen einen Wechsel. Unter Netanjahu hat es in den letzten Jahren einen Rechtsruck gegeben, alles ist teurer geworden und wir hatten viele Militäroperationen.» Der 27-Jährige ist Reservist bei der Armee. «Ich will nicht mehr, dass meine Freundin zuhause sitzt und um mich bangen muss.»

«Daran, dass alles immer teurer wird, wird sich nichts ändern», ist Kobi überzeugt. Der junge Mann ist extra früh im Wahllokal, um anschließend arbeiten zu gehen. Eigentlich ist der Wahltag ein Feiertag - aber das bedeutet, dass Kobi in seinem Job im Kino einen Zuschlag bekommt. Er vermisse zeitgemäße Themen im Wahlkampf, sagt er. «Die Parteien und ihre Programme sind alle vor 100 Jahren stehengeblieben. Da war keine Rede von Umwelt oder Internet.»

Hinter ihm versucht eine Mutter ihre drei kleinen Kinder zu bändigen «Ich bin für das Zionistische Lager», sagt sie und schnallt ihren jüngsten Sohn im Kinderwagen an. Ihr Mann Gad Zvi Naveh hat die Vereinigte Arabische Liste gewählt, den neuen Zusammenschluss der vier arabisch dominierten Parteien. «Das ist für mich die einzige wirklich oppositionelle Stimme», sagt er. «Durch sie könnte sich wirklich etwas ändern.»

Die arabische Liste hatte gezielt auch um jüdische Stimmen geworben. Trotzdem glaubt Naveh nicht, dass es ihm viele jüdische Mitbürger gleich tun werden - noch nicht. «Wenn Merez es in diesem Jahr nicht schafft, schließen sie sich beim nächsten Mal hoffentlich der neuen Liste an.»

Barry Ranish ist in diesem Wahllokal im liberalen Zentrum Tel Avivs einer von wenigen Männern, die eine Kippa tragen. Er und seine Frau sind extra aus Florida angereist, um von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und Netanjahu im Amt zu halten. «Wir brauchen jemand sehr starken, jemanden, vor dem die Araber Angst haben», sagen sie. «Denen gibt man den kleinen Finger und sie nehmen gleich die ganze Hand.»

In Kombination mit einem neuen US-Präsidenten könnte Bibi dafür sorgen, dass Israel auch international wieder stärker würde. Izchak Herzog hingegen sei keine Alternative. «Man muss sich doch bloß sein Wischiwaschi-Kampagnenfoto anschauen, um zu sehen, dass er zu schwach ist.»