Big Data für Big Brother: Liest der US-Geheimdienst immer mit?

Stimmten sie doch, die Verschwörungstheorien, dass alle Daten bei amerikanischen Internetkonzernen direkt beim US-Geheimdienst landen können?

Big Data für Big Brother: Liest der US-Geheimdienst immer mit?
Sven Hoppe

Wenn die Fakten einer von der «Washington Post» und dem britischen «Guardian» enthüllten geheimen Präsentation des Nachrichtendienstes NSA stimmen, hat die Behörde Zugriff auf Massen von E-Mails, Fotos, Videos und sonstige Daten bei führenden US-Internetfirmen. Betroffen wären Microsoft mit Diensten wie Hotmail und Skype, Google, Yahoo, Facebook, AOL und Apple. Es bleiben allerdings viele Fragen offen.

US-Geheimdienstkoordinator James Clapper räumte in einer Reaktion immerhin ein, dass sich die Berichte über das geheime Programm «PRISM» auf eine tatsächliche Datensammelaktion beziehen. Sie richte sich nur gegen Bürger anderer Länder, die sich außerhalb der USA aufhielten, betonte er. Die Berichte enthielten «zahlreiche Ungenauigkeiten», schrieb Clapper - nannte sie aber nicht. Auch US-Präsident Barack Obama versuchte am Freitag, die Amerikaner zu beruhigen: «Niemand hört Ihre Anrufe ab.» Europäer mag diese Erklärung freilich wenig beruhigen. Doch das scheint nicht die Sorge des Präsidenten zu sein. Kühl sagte Obama in Kalifornien, die Programme seien Teil der Terrorbekämpfung: «Man kann nicht 100 Prozent Sicherheit und 100 Prozent Privatsphäre und null Unannehmlichkeiten haben.»

Zugleich dementierten die Internet-Riesen einer nach dem anderen, dass sie eine «Hintertür» für US-Geheimdienste offenhielten. Das werde regelmäßig behauptet, stimme aber nicht, heißt es etwa bei Google. Apple und Facebook erklären, von einem solchen Programm noch nie etwas gehört zu haben. Zugleich fehlen bekannte Namen wie Twitter und Amazon - immerhin Betreiber einer gewaltigen Cloud-Infrastruktur - auffälligerweise in der NSA-Aufzählung.

Für die genannten Unternehmen aber, die stets beschworen, die Privatsphäre der Nutzer zu schützen, sind solche Vorwürfe ein Super-GAU, der das Vertrauen der Menschen in ihre Dienste zerstören kann. «Damit das Vertrauen der Nutzer wiederhergestellt werden kann, ist jetzt volle Transparenz notwendig», drängte der deutsche IT-Branchenverband BITKOM.

Der krasse Gegensatz zwischen der NSA-Präsentation und den Firmen-Dementis lässt viel Raum für Interpretationen. Ist die NSA-Darstellung übertrieben? Sind die Informationen aus dem Kontext gerissen? Wie wäre eine so großflächige Überwachung mit den vergleichsweise mickrigen 20 Millionen Dollar im Jahr zu leisten, die in der Präsentation erwähnt werden? Speichert der Geheimdienst die Daten ohne das Wissen der Online-Firmen ab? Oder speisen die Konzerne die Öffentlichkeit mit ähnlich formulierten Halbwahrheiten ab?

Legt man den Wortlaut der Dementis auf die Goldwaage, findet sich Spielraum für eine großflächige Datenweitergabe, argumentierte am Freitag der Gründer des amerikanische Technologie-Blogs «TechCrunch», Michael Arrington. Zum Beispiel, wenn sie auf Gerichtsbeschluss regelmäßig eine Kopie aller Daten an die NSA weitergäben. Damit wären alle Erklärungen, man gewähre dem Geheimdienst keinen «direkten» Zugang und leite nur rechtmäßig angeforderte Daten weiter, technisch korrekt - und der Geheimdienst hätte trotzdem alle Informationen. Auch das ist allerdings nur eine Theorie.

Technisch gesehen wäre die Speicherung und Auswertung großer Datenbestände jedenfalls kein Problem. Unter dem Stichwort «Big Data» gibt es Technologien, die auch gewaltige Datenbestände immer schneller durchforsten können. Und die NSA mit Sitz in Fort Meade im Bundesstaat Maryland ist erklärterweise darauf spezialisiert. Die Frage, über die bisher immer wieder spekuliert wurde, ist jedoch, wie gewaltig die Datensammlung ist. Die Dimension, die jetzt die Präsentation nahelegt, wäre vor wenigen Tagen vermutlich noch als Verschwörungstheorie abgetan worden.

Am Mittwoch berichtete der «Guardian» von einer geheimen Gerichtsanweisung an den größten US-Mobilfunkanbieter Verizon Wireless, drei Monate lang die kompletten Informationen zu allen Anrufen in seinem Netz an die NSA zu übergeben - etwa Rufnummern, Gesprächsdauer, Standort-Daten.
   
Das Technik-Blog «Gigaom» berichtete, die NSA setze zur Analyse der Überwachungsdaten die sogenannte Acumolo-Software ein. Diese Datenbank sei 2008 von der NSA entwickelt und in Zusammenarbeit mit der Apache-Stiftung weiterentwickelt worden, die mit dem Apache-Server eines der wichtigsten Open-Source-Projekte im Web verantwortet. In dem gigantischen NSA-Datenpool schlummern angeblich bereits Dutzende Petabytes Daten (Petabyte = 1 Million Gigabyte).

In diesem Licht erscheint auch eine schnell vergessene Behauptung eines ehemaligen Technikers von AT&T in einem anderen Licht, der vor rund zehn Jahren erlebt haben will, wie der gesamte Internet-Verkehr im Netz des Verizon-Konkurrenten durch einen NSA-Raum durchgeleitet worden sei. Auf einer Grafik seien damals Prismen dargestellt gewesen, die den Datenverkehr wie Licht brachen und abzweigten, erinnerte er sich. Könnte das die Inspiration für den Namen «PRISM» gewesen sein?

Deutsche Datenschützer und Politiker warnten schon lange, mit dem nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 beschlossenen Patriot Act könnten sich Behörden Zugang zu allen Daten bei US-Unternehmen verschaffen. Auch in Europa ist allerdings Datensammeln in großem Stil vorgesehen - auch wenn in Deutschland die Vorratsdatenspeicherung bei der Umsetzung zunächst scheiterte. Doch eine EU-Richtlinie von 2006 schreibt den Staaten grundsätzlich vor, Telefon- und Internetdaten ihrer Bürger zu Fahndungszwecken für mindestens sechs Monate vorzuhalten.