Biologin pflegt «Mückenatlas»

Der Sommer ist vorbei, die Mückenplage auch. Trotzdem hat die Mückenforscherin Doreen Werner keine Angst, arbeitslos zu werden.

Biologin pflegt «Mückenatlas»
Patrick Pleul Biologin pflegt «Mückenatlas»

«Die Tiere gibt es das ganze Jahr über», berichtete die Biologin. Sie betreut am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung im brandenburgischen Müncheberg den «Mückenatlas». Das gemeinsam mit dem Friedrich-Loeffler-Institut betriebene Portal im Internet informiert über die Verbreitung heimischer und eingeschleppter Arten in Deutschland.

Jeder kann mitmachen: Mehr als 7000 tote Mücken haben Menschen aus ganz Deutschland in diesem Jahr schon eingeschickt - in Briefumschlägen und Filmdosen. «Dass das so gut ankommt, hätten wir nie erwartet», erzählte Werner, die allen Hobbyforschern antwortet. Für die nächsten Wochen rechnet sie noch mit einem Boom: «Wenn es kalt wird, gehen die Mücken verstärkt in die Wohnbereiche und fallen auf.» 2012 kamen bis Jahresende rund 6000 Einsendungen zusammen.

Rund 31 der 50 in Deutschland bislang nachgewiesenen Arten waren 2013 dabei. Exotische Newcomer gab es nicht. Aber die Forscher konnten einen für Deutschland neuen Parasiten nachweisen, den Hundeherzwurm (Dirofilaria immitis), der normalerweise im Mittelmeerraum zu Hause ist. Er wurde in Mücken in Baden-Württemberg und dem Havelland gefunden. Die Insekten können die Wurmlarven auf Hunde übertragen. Ausgewachsen kann der Wurm Herzschäden verursachen. Für Menschen ist er in der Regel ungefährlich.

Zuletzt hatten Werner und ihre Kollegen vor zwei Jahren Schlagzeilen gemacht, als sie drei exotische Stechmückenarten nachweisen konnten: die Asiatische Buschmücke, die Tigermücke und ein Insekt mit dem wissenschaftlichen Namen Culiseta longiareolata. Im Anschluss wurde der Mückenatlas initiiert. Die Fremdlinge haben sich inzwischen ausgebreitet. Den Forschern gelang 2013 der Nachweis, dass die Buschmücke neben Nordrhein-Westfalen auch in Niedersachsen heimisch geworden ist.

Das Interesse an den Mücken ist nicht nur akademisch: Die Forscher interessiert auch, welche Krankheitserreger die exotischen Blutsauger einschleppen - etwa das tropische Dengue- oder das West-Nil-Fieber. Deshalb sind auch das Robert Koch-Institut und das Bundesministerium für Landwirtschaft bei dem Projekt dabei. Horrorvision der Forscher wäre, dass sich einheimische Arten infizieren und die Krankheitserreger weiter übertragen.

Das Dengue-Fieber kann zum Beispiel die Gelenke angreifen und sogar zum Tode führen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es 50 Millionen bis 100 Millionen Erkrankungen pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren viele Fälle auf der portugiesischen Insel Madeira aufgetreten.

Für die Virendiagnostik taugen die Mücken aus den Filmdöschen nicht. Deswegen haben Werner und ihre Kollegen in ganz Deutschland 120 Fallen aufgestellt, die mit einem Lockstoff präpariert sind. Die gefangenen Insekten werden sofort tiefgefroren und untersucht.

Die Stichproben aus den Insekten-Fallen belegen den subjektiven Eindruck, dass 2013 ein gutes Mückenjahr war. «Es gab deutlich mehr Mücken als im Vorjahr», sagte Werner. Grund sei die ideale Kombination aus viel Regen und Wärme gewesen. In Brandenburg und Bayern sei noch das Hochwasser verstärkend dazugekommen.

Die jüngsten Forderungen der CDU im Potsdamer Landtag, gegen die Quälgeister mit Insektiziden vorzugehen, sieht die Expertin kritisch. Eine «Mückenschützerin» sei sie zwar nicht, aber eine eventuelle Bekämpfung brauche Augenmaß und langfristige Planung: «Ins Flugzeug setzen, lossprühen und nie mehr Mücken haben, das ist Quatsch.» Wenn, dann könnten ohnehin nur die Larven bekämpft werden. Und bei einer großflächigen Sprühaktion komme oft gar nicht viel bei den Mücken an.

Sogar jetzt in der kalten Jahreszeit sucht sie noch Winterquartiere nach Mücken ab - dafür schaut sie in Kellern, Bunkern und Stollen nach. «Jede Mücke zählt», meinte die Biologin.