Bitterfeld rüstet sich für Flut

Wolfen (dpa) - Seine Gäste sind schon alle weg. Nun nimmt sich der Bitterfelder Hotelier Jörg Krause die Kellerschächte vor. Gemeinsam mit einem Freiwilligen aus dem hochwassererfahrenen Regensburg klebt er dicke blaue Folie an die Fassade seines Hotels in der Innenstadt und schippt Steine drauf.

Am Ufer des Tagebausees Goitzsche füllen Freiwillige und Bundeswehrsoldaten Sandsäcke und stapeln sie zu einem Schutzwall. Auch der große Chemiepark ist schon gesichert. Die Chemiestadt Bitterfeld in Sachsen-Anhalt bereitet sich nach 2002 auf eine weitere mögliche verheerende Flut vor.

Wie stark es die Chemie-Stadt treffen könnte, war am Dienstagnachmittag noch nicht klar. Es könnte sein, dass kaum Wasser aus dem Goitzschesee in die Stadt dringe und alles nicht einmal halb so schlimm werde wie befürchtet, sagt der stellvertretende Landrat des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, Bernhard Böddeker. Vorsorglich sollen in Bitterfeld 10 000 Menschen aber ihre Häuser verlassen.

Ein Notquartier ist die Turnhalle in Wolfen-Krondorf. Vor der Tür haben es sich Menschen auf weißen Plastikstühlen bequem gemacht und suchen ein wenig Erholung. In der Halle sitzt auf einer der vielen Matratzen Liane Kunze, neben ihr schläft ihr sechsjähriger Sohn Felix - Töchterchen Sophie beseitigt gerade ihre persönliche feuchte Katastrophe - eine Wasserflasche ist ausgekippt. Hund Murphy bleibt gelassen. «Wir mussten vorgestern Hals über Kopf aus unserer Wohnung in Jeßnitz», sagt die 27 Jahre alte Mutter. Zu Hause stehe schon das Wasser im Keller, Gas ist entwichen, die Feuerwehr hat zur Notunterkunft geraten.

Am Dienstag waren in Bitterfeld immer wieder Sirenen zu hören. Es standen Busse bereit, die die Bewohner aus den gefährdeten Gebieten in Sicherheit bringen sollten. «Zwangsevakuierungen wollen wir nicht», sagt Böddeker. Jeder sei letztlich für sich selbst verantwortlich, und die Evakuierungen seien vorsorglich.

Die Besonderheit an Bitterfeld ist der Goitzschesee. Wenn der überläuft, ergießen sich die Wassermassen in die Stadt. Grundsätzlich ist er noch aufnahmefähig, wie Böddeker betont. Wegen eines Dammbruchs im sächsischen Löbnitz weiß aber niemand, wie viel Wasser noch kommt. Dadurch füllt sich der Seelhausener See immer weiter, und es droht ein unkontrollierter Durchbruch zum benachbarten Goitzschesee. Um das zu verhindern, soll ein Kanal zwischen den beiden Gewässern gegraben werden.

Wer an Bitterfeld denkt, denkt an den Chemiestandort. 300 Firmen mit etwa 11 000 Beschäftigten gibt es dort. Die Bundeswehr, die in Bitterfeld 200 Soldaten im Einsatz hat, hat das Gelände mit Sandsäcken und Paletten gesichert. «Der Chemiepark ist nach dem aktuellen Stand nicht gefährdet», sagt Böddeker. «Wir profitieren von den Erfahrungen aus dem Jahr 2002», ergänzt er. «Die Deiche sind deutlich besser, allerdings sind die Wassermassen auch größer.»