BND soll Spionage unter Freunden betrieben haben

Der Bundesnachrichtendienst (BND) soll über Jahre befreundete Staaten aus eigenem Antrieb ausgespäht haben. Abgeordnete aller Bundestagsfraktionen zeigten sich alarmiert. Das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags (PKGr) will die Vorwürfe mit einer eigenen Task Force klären.

Die Bundesregierung teilte dem PKGr mit, «dass es auch beim BND hochproblematische Selektoren gegeben hat, die bis Ende 2013 im Einsatz waren», wie der Vorsitzende des Gremiums, André Hahn (Linke), sagte. 

Vize-Chef Clemens Binninger (CDU) sagte, nach den Regierungsangaben vom Mittwoch müsse man davon ausgehen, dass ein Teil der Selektoren vom Auftragsprofil des BND womöglich nicht gedeckt gewesen sei. Selektoren sind etwa Telefonnummern oder Mailadressen, nach denen weltweite Datenströme durchsucht werden.

Laut «Spiegel online» spähte der BND Botschaften und andere Behörden von EU-Ländern und weiteren Partnerstaaten aus, darunter französische und US-Ziele. Er dürfe zwar keine Details aus der PKGr-Sitzung nennen, habe aber keinen Grund, solche Berichte zu dementieren, sagte das Grünen-Mitglied Hans-Christian Ströbele. Seien die Vorwürfe richtig, sei das ein «beispielloser Skandal».

Erst im Frühjahr war bekanntgeworden, dass der BND mit tausenden Spähzielen des US-Geheimdienstes NSA die Kommunikationsströme überwachte. Diese Selektoren sollen gegen deutsche und europäische Interessen verstoßen haben. Sie zielten etwa auf die europäischen Rüstungsunternehmen Eurocopter und EADS.

Anfang November soll vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags ein Bericht zur Geheimliste mit Zehntausenden vom BND aussortierten Selektoren der NSA vorgelegt werden. Die Liste hat der mit Koalitionsmehrheit bestellte Verwaltungsrichter Kurt Graulich als Vertrauensperson geprüft. Die Opposition hatte selbst auf Einsicht gepocht. 

Die neuen Vorwürfe über die BND-eigenen Selektoren seien «sehr ernst», sagte Binninger. Der SPD-Obmann im NSA-Ausschuss, Christian Flisek, meinte, die Grenze zum Rechtswidrigen sei wahrscheinlich überschritten worden. Es könne beispielsweise nicht sein, «dass ein deutscher Nachrichtendienst die EU-Kommission ausspioniert».

Der Umfang möglicher problematischer BND-Spionage blieb offen. Die «Mitteldeutsche Zeitung» berichtete von einer vierstelligen Zahl problematischer Selektoren. «Es geht um Institutionen, es geht um Einrichtungen befreundeter Staaten», sagte PKGr-Chef Hahn. Die PKGr-Task-Force soll nun in der BND-Zentrale in Pullach Akteneinsicht nehmen und die Vorwürfe prüfen. Das dürfte einige Wochen dauern, hieß es aus dem Gremium. «Wir wollen die Selektorenliste sehen», stellte Hahn klar.

Dass der BND mit eigenen Spähbegriffen die Datenströme ausspäht, sagten BND-Mitarbeiter wiederholt vor dem NSA-Ausschuss aus. Neu wäre, wenn er so gegen den Auftrag oder das Recht verstoßen hat.

Brisant sind die Vorwürfe auch, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Oktober 2013 gesagte hatte: «Ausspähen unter Freunden - das geht gar nicht.» Damals war bekanntgeworden, dass die NSA ihr Handy abhörte. Hahn sagte: «Man hat die Kanzlerin vom BND voll ins Messer laufen lassen.» Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) pochte auf eine BND-Reform. «Wir brauchen strengere Regeln für den BND», sagte er der «Rheinischen Post» (Freitag).