Böhmermann über die Kanzlerin: «Sie hat mich filetiert»

Jan Böhmermann hat sich lange zurückgehalten. Nach dem Wirbel um sein umstrittenes Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan war der 35-jährige Satiriker mehrere Wochen abgetaucht und in der Öffentlichkeit nicht zu hören und zu sehen.

Böhmermann über die Kanzlerin: «Sie hat mich filetiert»
Henning Kaiser Böhmermann über die Kanzlerin: «Sie hat mich filetiert»

Nun hat er der in Hamburg erscheinenden Wochenzeitung «Die Zeit» ein Interview gegeben. Erste Teile daraus zitierte «Zeit Online» vorab am Dienstag. Darin sagt er, was er über das Verhalten von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Veröffentlichung seines Schmähgedichts denkt und das ziemlich deutlich: «Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht», kritisierte der TV-Moderator und Grimme-Preisträger.

«Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht», sagte Böhmermann, der sich bislang zum Wirbel um sein Gedicht kaum geäußert hatte, auch nicht auf Twitter und Facebook, wo der ZDFneo-Moderator sonst intensiv mit Fans und Followern kommuniziert. Für seine satirische TV-Show «Neo Magazin Royale» hatte er Mitte April eine mehrwöchige Pause angekündigt. Die nächste Sendung soll am Donnerstag, 12. Mai, zu sehen sein.

In der letzten Märzsendung von «Neo Magazin Royale» nahm die Böhmermann-Affäre ihren Anfang: Der Satiriker, der immer wieder durch mehrdeutige, provokante Videos wie über den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Giannis Varoufakis von sich reden machte, las darin ein Gedicht vor. Es hatte den Titel «Schmähkritik», widmete sich dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und enthielt zahlreiche Formulierungen, die unter die Gürtellinie zielten. Anspielungen auf Sex mit Tieren, Kinderpornografie und etliche Klischees über Türken inklusive.

Erdogan stellte Strafantrag wegen Beleidigung. Die türkische Regierung wandte sich mit dem förmlichen Wunsch nach Strafverfolgung auf Grundlage des Paragrafen 103 im Strafgesetzbuch an die Bundesregierung. Er stammt noch aus dem Kaiserreich und stellt die Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten unter Strafe. Allerdings muss in diesem Sonderfall die Bundesregierung für die Strafverfolgung eine Ermächtigung erteilen. Das hat sie getan. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) hatte Böhmermanns Gedicht außerdem früh als «bewusst verletzend» bewertet. Später sagte sie dazu: «Das war im Rückblick betrachtet ein Fehler.»

Böhmermanns mediale Abstinenz ging so weit, dass er selbst bei der Verleihung des Grimme-Preises für sein «Varoufake»-Video absagte. Und auch seine Satire-Sendung «Sanft & Sorgfältig» auf Radio Eins ließ er mehrfach ausfallen. «Sie wissen ja sicher, was gerade rund um Jan Böhmermann los ist», entschuldigte der Sender vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) das zunächst. Nun hat sich allerdings herausgestellt, dass es dafür noch ganz andere Gründe gibt. In der letzten Aprilwoche wurde bekannt, dass Jan Böhmermann und sein Partner Olli Schulz «Sanft & Sorgfältig» nicht fortsetzen und stattdessen mit dem Streaminganbieter Spotify für ein neues Podcast-Format zusammenarbeiten wollen.

Am Montag teilte Spotify in einem Blog-Eintrag mit: «Mit ihrem neuen Podcast versüßen Euch die beiden Moderatoren schon bald Euren Weg zur Arbeit oder den Abend auf der Couch!» Zu sehen waren mehrere Plakate mit Schulz und Böhmermann und Abwandlungen des Namens der Radioshow «Sanft & Sorgfältig». Mal mit der Überschrift «Abgefuckt & Anspruchlos», mal mit «Galant & Gesetzestreu» oder «Korrekt & Kommerziell». Das klingt nach den selbstironischen Persiflagen, die Böhmermann-Fans an dem Satiriker schätzen. Am Dienstag gab Böhmermann dafür auf Twitter ein weiteres Beispiel, diesmal ein Selbstkommentar zu seinem Interview in der «Zeit»: «Jetzt hält sich Böhmermann ernsthaft für Ai Weiwei. Also entweder ist der völlig verblödet oder ich!»