Bombenexplosion platzt in Beamtenstadt-Idylle

Der Abend ist schon fortgeschritten, einige haben den Festivalplatz neben dem Ansbacher Schloss bereits verlassen.

Bombenexplosion platzt in Beamtenstadt-Idylle
Daniel Karmann Bombenexplosion platzt in Beamtenstadt-Idylle

Andere genießen an diesem lauen Sommerabend noch den Ausklang des «Open Ansbach»-Festivals, als eine Explosionsknall die Fans der «Deutschpoeten» Philipp Dittberner und Gregor Meyle aus ihren musikalischen Sommerträumen reißt. Zwölf Menschen werden verletzt, drei davon schwer. Der mutmaßliche Attentäter, ein 27-jähriger Flüchtling aus Syrien, wird getötet.

Anfangs spricht die Polizei noch von einer «Gasexplosion» und lässt damit Viele zunächst an ein Unglück glauben. Stunden später scheint klar: Terror und Gewalt haben auch die Kleinstadt-Idylle Ansbachs erreicht. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hält einen islamistischen Anschlag für wahrscheinlich. Erst in der Nacht zum Samstag hatte ein Amoklauf das öffentliche Leben in der bayerischen Landeshauptstadt München gelähmt, ein paar Tage zuvor ein junger Flüchtling mit einer Axt in einer Regionalbahn in Würzburg Schrecken unter der Bevölkerung verbreitet.

Der 2. Pfarrer der Ansbacher St. Gumbertus-Gemeinde, Thomas Meister, feiert gerade mit Freunden im Pfarrgarten, als er am späteren Abend plötzlich hinter der hohen Gartenmauer einen lauten Knall hört. Draußen, auf dem kleinen Platz am Hauptzugang zu dem Festivalgelände, stößt der Geistliche zu seinem Entsetzen auf etliche blutverschmierte Menschen. Die meisten hatten eben noch im kleinen Garten vor dem Lokal «Eugens Weinstube» gemütlich beisammen gesessen und der Musik des nahen Festivals gelauscht.

Pfarrer Meister ist zunächst schockiert: «Einige waren am Arm verletzt, andere bluteten an den Beinen, einige hielten sich Kleidungsstücke auf blutende Kopfwunden». Dann aber entschließt er sich, rasch zum Handeln. Er lotst die Verletzten, soweit sie noch laufen können, hinüber zum Hintereingang seiner der Kirche, später bringt er sie in ein nahes Stiftsgebäude der St. Gumbertus-Gemeinde. Dort werden die von herumfliegenden Metallteilen verletzen Männer und Frauen notdürftig versorgt, bevor sie in umliegende Krankenhäuser gebracht werden.

Meister ist auch am Tag nach über den Anschlag vor seiner Haustür bestürzt. Überrascht habe ihn das Attentat gleichwohl nicht: «Mir war bewusst, dass so was überall und immer passieren kann», sagte der 50-Jährige. «Ich empfinde nur einfach eine große Dankbarkeit, dass meine 10, 15 und 18 Jahre alten Kinder zum Zeitpunkt der Explosion in Sicherheit waren».

Noch Stunden nach der Explosion steht die Beamtenstadt unter Schockstarre. Menschen irren bis tief in die Nacht in der Altstadt umher, diskutieren an den Flatterbändern, mit denen die Polizei das Gebiet um den Tatort weitläufig abgesperrt hat, die Lage. Erst langsam sickert auch in den sozialen Netzwerken durch, dass die ohrenbetäubende Explosion am Westausgang des Festival-Geländes «Reitbahn» nicht etwa von einer defekten Gasflasche herrührte.

So machte schon früh das Gerücht die Runde, ein junger Mann mit langem Bart und Rucksack sei kurz vor der Explosion vor den Westzugang zu dem Festivalgelände auf- und abgegangen. Ein Gerücht, das nach Angaben von Innenminister Herrmann später polizeiliche Vernehmungen bestätigen. Die Ermittler gehen davon aus, dass Ziel des Attentäters eigentlich die Festivalbesucher auf der «Reitbahn» waren.

Dort wurde er aber nicht eingelassen, weil er keine Eintrittskarte hatte - zum Glück. Denn die von ihm in einem Rucksack verstaute Metallsplitter-Bombe hätte unter den rund 2000 Festivalbesuchern ein noch weitaus größeres Blutbad angerichtet, sind sich die Ermittler sicher.

Derweil treffen im Morgengrauen an den weitläufigen Absperrungen rund um den Tatort ratlose und verunsicherte Passanten auf ebenso ratlose Polizisten. Zu den rund 200 Beamten, die am Abend aus ganz Bayern zusammengezogen wurden, gehören auch Uniformierte einer Polizeihundertschaft aus München. «Wir waren erst am Freitag und Samstag beim Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum eingesetzt», berichtet einer von ihnen.

Unbeeindruckt von dem Polizei-Einsatz setzt derweil einer junger Mann unweit des Schlosses seine nächtliche Pokémon-Jagd fort. Es wirkt surreal, wie er mit seinem Smartphone die nächtliche Promenade nach den Taschenmonstern absucht. «Ich lasse mir doch von einem solchen Idioten nicht den Spaß verderben», macht er deutlich. Er selbst hatte sich zum Zeitpunkt des Anschlags wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt aufgehalten. «Da war plötzlich ein Riesen-Knall.» Aber einen Reim habe er sich darauf zunächst auch nicht machen können. Wer denke denn in Ansbach an ein Bombenattentat?