Braucht Deutschland ein neues Fräuleinwunder?

Man kann das zweite deutsche ESC-Desaster in Folge vielleicht nur mit Humor ertragen. «Mit Mut & Power den letzten Platz verteidigt und gewonnen!», twittert TV-Komiker Oliver Kalkofe in der Nacht zum Sonntag. «Erster von hinten!»

Braucht Deutschland ein neues Fräuleinwunder?
Britta Pedersen Braucht Deutschland ein neues Fräuleinwunder?

Kurz davor ist Deutschland mit Jamie-Lee beim Eurovision Song Contest nach 2015 wieder auf dem allerletzten Platz gelandet. Langsam entsteht der Eindruck, die Bundesrepublik habe die rote Laterne bei dem Wettbewerb gepachtet. Wieso ist Deutschland beim ESC so chronisch erfolglos?

Eine mögliche Erklärung: Zum zweiten Mal schickte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nur seine zweite Wahl ins Rennen. 2015 hatten die Zuschauer beim Vorentscheid den Rocksänger Andreas Kümmert gewählt. Der verzichtete aber überraschend. Ann Sophie rückte auf und holte in Wien null Punkte - das schlechteste Ergebnis seit Jahrzehnten. Um noch eine Nullnummer zu vermeiden, wollte der NDR Xavier Naidoo 2016 direkt schicken, zog den Plan aber nach Protesten zurück und ließ doch wieder das Publikum entscheiden. Die Bilanz: gerade einmal elf Punkte mehr.

Grand-Prix-Experte Irving Wolther wundert das schlechte Abschneiden in Stockholm nicht. «Es ist für Jamie-Lee natürlich auch ungerecht - sie hat eine sehr gute Performance abgeliefert», sagt der ESC-Kenner. «Aber es reicht eben nicht, wenn der Song nicht stark genug ist.» Zwischen den starken Beiträgen aus Schweden und Frankreich habe das Lied «todlangweilig» gewirkt, urteilt Wolther, der über den ESC promoviert und ein Buch zum Thema geschrieben hat.

Der Abstand zu Tschechien auf dem vorletzten Platz ist mit 30 Punkten groß. Auch Serbiens Sängerin mit ihrem «Kleid aus abgerollten Lakritzschnecken», wie Peter Urban kommentiert, und der Feuer-Funken-Nebel-Beitrag aus Aserbaidschan treffen eher den Geschmack der Fernsehzuschauer als das deutsche Manga-Mädchen.

«Nach unserem Eindruck hat Jamie Lee (...) vor allem das junge Publikum angesprochen», analysiert ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. Das zeigen auch die deutschen Fernsehquoten: Vor allem Jüngere schalteten beim Finale ein, bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren liegt der Marktanteil bei 46 Prozent. Eine deutsche Castingshow-Siegerin kommt aber wohl nicht automatisch in Europa an.

Im Netz lassen Sarkasmus und Hohn nach der Schmach nicht lange auf sich warten. «Deutschland räumt richtig ab!», spottet Schauspielerin Sophia Thomalla bei Twitter. Und während die einen ein Comeback von Stefan Raab fordern, fragen die anderen: «Können wir nächstes Jahr nicht Helene Fischer schicken?»

Keine dumme Idee, meint ESC-Experte Wolther. «Fischer wäre sicher keine schlechte Wahl, weil sie weiß, wie man eine gute Show auf der Bühne macht und weil Schlager in Europa ankommt.» Damit holte Nicole schließlich 1982 den ersten ESC-Titel für Deutschland - und Michelle schaffte 2001 im rosa Glitzerkleid immerhin den achten Platz.

Wolthers These: Immer, wenn Deutschland authentisch war, war es auch erfolgreich - sei es mit «Vertretern der Spaßfraktion» wie Raab oder Guildo Horn oder dem «neuen deutschen Fräuleinwunder» Lena 2010.

Der Asien-begeisterten Jamie-Lee gibt aber kaum jemand die Schuld für das Debakel. Sie habe super gesungen, lobt Schreiber. Und auch die Schülerin selbst kann am Tag danach schon wieder nach vorne gucken. «Na gut, ich hab den letzten Platz beim ESC gemacht - aber was soll's», schreibt die Schülerin am Sonntagmorgen auf Instagram.

Bei der offiziellen deutschen ESC-Party auf der Hamburger Reeperbahn hatten Tausende mit der 18-Jährigen mitgefiebert. Doch auch für sie war es ein harter Gang. Die Fans zermürbten nicht nur der letzte Platz, sondern auch strömender Regen und Hagel. Der von der ARD verteilte Manga-Kopfschmuck aus Pappe im Stil von Jamie-Lee war bei vielen schon nach der Hälfte des Abends aufgeweicht.

Trotzdem harrten die meisten bis zum Ende der Show aus, als die Krimtatarin Jamala mit ihrem eindringlichen und emotionalen Song «1944» zur Siegerin vor Australien und Russland gekürt wurde. Hätte «Down Under» den Sieg davon getragen, hätte Deutschland zumindest eine Chance gehabt, als Gastgeber beim ESC wieder eine Rolle zu spielen, da Australien nicht Gastgeber sein kann. Stattdessen muss jetzt ein guter Plan her: «Neue Lieder, neue Musik, neue Künstler, neue Talente, ungefähr so geht der Ansatz», sagt der Journalist und ESC-Experte Jan Feddersen.