Brexit-Lager liegt bei EU-Referendum vorn  

Beim EU-Referendum in Großbritannien liegt das Brexit-Lager nach Auszählung von zwei Dritteln der Wahlbezirke vorn. In den 255 der 382 Wahlbezirke erreichten die Austritts-Befürworter 10,68 Millionen Stimmen, das Pro-EU-Lager gut eine halbe Million Stimmen weniger.

Brexit-Lager liegt bei EU-Referendum vorn  
Str Brexit-Lager liegt bei EU-Referendum vorn  

Bereits in der Nacht war die Auszählung immer mehr zum Nervenkitzel geworden. Beide Lager gingen mehrmals in Führung - und fielen wieder zurück.

Wahlforscher äußerten sich während der Nacht zurückhaltend über die Chancen eines Verbleibs Großbritanniens in der EU. Rückschläge gab es für die Brexit-Gegner vor allem im Nordosten des Landes und in Wales. In London und Schottland bestätigten sich teilweise die positiven Erwartungen aus Sicht der EU-Befürworter - doch insgesamt schnitt das Brexit-Lager in vielen Regionen besser ab als von den Demoskopen erwartet.

Umfragen am Wahltag hatten noch auf einen Sieg des Pro-EU-Lagers hingedeutet. Noch bei Schließung der Wahllokale hatten auch die Finanzmärkte und Buchmacher auf einen Sieg der EU-Befürworter gesetzt. Im Laufe der Nacht wendete sich das Blatt. Das Pfund fiel nach ersten Berichten über Siege der Brexit-Befürworter an den internationalen Finanzmärkten so stark wie seit Jahren nicht.  

Den ersten Überraschungserfolg erzielte das Brexit-Lager in nordostenglischen Sunderland. Dort stimmten 61 Prozent der Wähler für einen Ausstieg aus der EU, lediglich 39 Prozent für einen Verbleib. Noch deutlicher fiel das Ergebnis im benachbarten Hartlepool aus. Dort votierten rund 70 Prozent für einen Austritt, nur 30 Prozent stimmten dagegen.

Mit Spannung wurden daher die Ergebnisse aus Hochburgen der EU-Befürworter in London und Schottland erwartet. Im südlichen Stadtteil Lambeth der Hauptstadt gewannen die Brexit-Gegner 79 Prozent der Stimmen. Auch in anderen bevölkerungsreichen Bezirken der Hauptstadt gewannen die EU-Befürworter deutlich. In der schottischen Metropole Glasgow votierten 67 Prozent der Wähler für einen Verbleib des Königreichs in der EU.

Das Institut YouGov hatte in ersten Wähler-Nachbefragungen nur Minuten nach Schließung der Wahllokale eine Mehrheit von 52 Prozent für den Verbleib in der Gemeinschaft ermittelt. Lediglich 48 Prozent hätten für den Brexit votiert. Das Institut Ipsos Mori kam gar zu einem Ergebnis von 54:46 Prozent. Doch die Zahlen entsprechen nicht klassischen Wahlprognosen, sie gelten als weniger verlässlich.

Der Chef der EU-feindlichen Partei Ukip, Nigel Farage, hatte seine Anhänger kurz nach Schließung der Wahllokale bereits auf eine Niederlage vorbereitet. Er gehe davon aus, dass das «Remain»-Lager knapp gewinne, sagte er. Wenig später meinte er aber, er habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben: «Ich gebe mich nicht geschlagen.»

84 konservative Abgeordnete, die für einen Brexit sind, forderten nach Angaben eines Parlamentariers Premierminister David Cameron zum Verbleib im Amt auf. Cameron hatte sich vehement für einen Verbleib ausgesprochen. Er solle in jedem Fall weiterhin Premier bleiben, wie auch immer das Referendum ausfalle, heißt es in dem Brief, den der konservative Abgeordnete Robert Syms auf Twitter veröffentlichte. Unter den Abgeordneten, die den Brief unterzeichnet haben, ist auch Boris Johnson, Camerons ärgster Gegenspieler im Wahlkampf.

46,5 Millionen Wähler hatten sich registriert, viele von ihnen waren bis zuletzt unentschlossen.

Ein Brexit würde die EU in die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen. Viele europäische Politiker hatten die Briten vor einem Austritt gewarnt. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) und andere Institutionen sagten wirtschaftliche Turbulenzen im Falle eines Brexit voraus.

Finanzexperten gehen davon aus, dass das Pfund bei einer Mehrheit für den EU-Austritt dramatisch abstürzen könnten. EU-Politiker befürchten, dass ein Brexit Austrittswünsche in anderen Ländern beflügeln würde.