Brisant: «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern»

Das Orchester umzingelt die Zuschauer beim «Mädchen mit den Schwefelhölzern». Helmut Lachenmann (78) will mit der ungewöhnlichen Anordnung - die Musiker sitzen in einem Ring um das Publikum - die Wirkung seiner Komposition zu Hans Christian Andersens (1805 - 1875) Märchen steigern.

Brisant: «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern»
Caroline Seidel Brisant: «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern»

Tatsächlich klang das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Leitung von Emilio Pomàrico bei der Premiere der Neuinszenierung von Robert Wilson für die Ruhrtriennale am Samstagabend in Bochums Jahrhunderthalle suggestiv: Die eisige Umwelt, in der das Mädchen seine Zündhölzer feilbietet, ist ebenso zu hören wie der verklärende Traum, der eine tödliche Illusion schafft, während das Mädchen erfriert. Das Publikum sitzt um eine quadratische Spielfläche auf ansteigenden Bänken wie in einem Hörsaal.

Anders als bei Opern übernehmen die Sänger bei diesem modernen Musiktheater keine schauspielerischen Aufgaben. Hulkar Sabirova und Yuko Kakuta, Sopran, weben mit Mayumi Miyata (Shô, eine japanische Mundorgel), zwei Pianistinnen und dem ChorWerk Ruhr am Klangteppich, auf dem als Darsteller Angela Winkler und Robert Wilson agieren. Wilson profiliert sich mal wieder als Hansdampf in allen Gassen: Der Texaner spielt nicht nur und führt Regie, er hat auch das Bühnenbild entworfen und - wichtig bei Wilsons hochartifiziellen Schöpfungen - das Lichtdesign. Einerseits kann man Wilson mit gutem Grund Egomanie vorwerfen, andererseits darf man ihm Anerkennung kaum vorenthalten: Die Inszenierung wirkt, obwohl manieriert, wie aus einem Guss.

Aber Angela Winkler, in der Rolle des Mädchens mit den Schwefelhölzern, spielt Wilson, der die tödliche Gefahr der Kälte verkörpert, mühelos an die Wand. Die Schauspielerin hat jene Mädchenhaftigkeit bis heute bewahrt, die sie schon in «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», der Verfilmung (1975) von Heinrich Bölls epochaler Erzählung, zu einer unverwechselbaren Charakterdarstellerin machte. Sie strahlt auch heute noch eine überzeugende Unschuld aus.

Ihr Mädchen mit den Schwefelhölzern wird von der nur mit sich selbst beschäftigten Umwelt geradezu gezwungen, politisch zu handeln - sich zu verteidigen. Denn Helmut Lachenmann verwandelt Andersens sentimentales Märchen in eine politische Parabel, eine poetische Anklage. Der Komponist und Librettist reichert Andersens Text mit Zitaten von Leonardo da Vinci und - brisanter - mit einem fragmentierten Text von Gudrun Ensslin an. Im Gesamtzusammenhang scheint Ensslin weniger als Terroristin, mehr als junge Frau mit Gewissen, die gegen offensichtliches Unrecht protestiert. Die Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion (RAF) starb im Oktober 1977 in Stuttgart-Stammheim.

Schnee und Zündholzer bekommen auf der Bochumer Bühne als Metaphern ganz neue Bedeutungshorizonte: Schnee steht für die gesellschaftliche Kälte, die Schwefelhölzer für das Gewaltpotenzial der Protestierenden. Das «Ritsch» beim Anzünden des Streichholzes bildet das akustische Gravitationszentrum dieser «Musik mit Bildern» (Lachenmann), den optischen Höhepunkt eine Szene mit einem Glutofen und einem in der Luft hängenden Stuhl, der spektakulär Feuer fängt und verbrennt.

Lachenmann war eigens zur Premiere nach Bochum gekommen und nahm mit dem Ensemble den langen Schlussbeifall entgegen, die begeisterten Bravos galten dem Komponisten.