Briten vor historischem EU-Votum: Keiner weiß, wohin es geht

Schicksalswahl in Großbritannien: In einem historischen Referendum entscheiden die Briten an diesem Donnerstag, ob sie in der EU bleiben oder austreten wollen. Selbst Stunden vor Öffnung der Wahllokale war der Ausgang des Votums völlig unabsehbar.

Briten vor historischem EU-Votum: Keiner weiß, wohin es geht
Jeff Overs / Bbc / Handout Briten vor historischem EU-Votum: Keiner weiß, wohin es geht

Doch schon vor dem Urnengang stand fest: Ein Brexit - also der Ausstieg des Königreichs aus der EU - würde die Gemeinschaft in die vermutlich schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen.

EU-Politiker fürchten, dass ein Brexit Austrittswünsche in anderen Ländern beflügeln dürfte. Zugleich könnte ein Brexit das politische Schicksal des britischen Premierministers David Cameron besiegeln.

«Niemand weiß, was geschehen wird», sagte Cameron mit Blick auf den Wahlausgang der Zeitung «Financial Times». Dennoch bereue er es nicht, dass er zu dem Referendum aufgerufen habe. Cameron bekräftigte, dass er in jedem Fall im Amt bleiben wolle. Insider in London bezweifeln jedoch, dass ihm das gelingen wird - vor allem, wenn die Briten für einen EU-Austritt votieren sollten.

Umfragen gehen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Der Durchschnitt von acht Umfragen seit dem 15. Juni ergibt einen hauchdünnen Vorsprung von 45:44 Prozent für das Pro-EU-Lager. Allerdings seien zehn Prozent der Befragten noch unentschieden, hieß es. Noch vor mehr als einer Woche lag das Brexit-Lager vorn - seit dem Mord an der Labour-Abgeordneten und Pro-EU-Politikerin Jo Cox holte das Drinbleiben-Lager aber wieder auf. Allerdings: Bei der Parlamentswahl vor einem Jahr hatten die Umfragen völlig falsch gelegen.

Hauptthemen des zeitweise überaus harten Wahlkampfes waren mögliche wirtschaftliche Nachteile durch einen Brexit sowie das Reizthema Migration. Auch die Furcht vor einer deutschen Vormachtstellung in Europa hatte das Brexit-Lager um den Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson und Nigel Farage, den Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei, zeitweise ins Spiel gebracht.

46,5 Millionen Briten sind aufgerufen, zu den Urnen zu gehen. Die Wahllokale sind am Donnerstasg von 0800 bis 2300 MESZ geöffnet. Mit ersten Resultaten aus den Wahlkreisen wird am Freitag in den frühen Morgenstunden gerechnet. Ein Endergebnis dürfte erst im Laufe des Vormittags feststehen. Das vermutlich sehr knappe Rennen könnte zu Verzögerungen führen.

Der Austritts-Wortführer Johnson bezeichnete den Wahltag als «Unabhängigkeits-Tag», an dem die Briten ihre staatliche Souveränität wiedergewinnen könnten. Cameron konterte: «Die Idee, dass unser Land nicht unabhängig ist, ist Unsinn. Diese ganze (Brexit)-Debatte beweist unsere Unabhängigkeit.»

Cameron betonte, der Zugang zum gemeinsamen europäischen Markt mit 500 Millionen Einwohnern sei entscheidend für die britische Wirtschaft und damit für den Wohlstand der Briten.

In einer TV-Debatte am Dienstagabend warf Londons Bürgermeister Sadiq Khan seinem Amtsvorgänger Johnson eine Hasskampagne gegen Zuwanderer vor. «Was das Thema Zuwanderung angeht, war Ihr Wahlkampf nicht das «Projekt Angst», sondern das «Projekt Hass»», sagte Khan.

Zahlreiche Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) hatten im Falle eines Brexits vor weltweiten wirtschaftlichen Turbulenzen gewarnt - ebenso zahlreiche EU-Politiker sowie US-Präsident Barack Obama. Auch britische Wirtschaftsverbände und Banken plädierten für Drinbleiben - das Austrittslager tat dies als Panikmache ab.