Bund bringt Licht in Münchner Kunstfund

Nach massivem Druck aus dem In- und Ausland machen die Bundesregierung und Bayern jetzt Tempo bei der Aufklärung zum spektakulären Münchner Kunstschatz.

Eine erste Liste von 25 Bildern mit möglichem Nazi-Raubkunst-Hintergrund wurde auf der Internet-Plattform lostart.de der Koordinierungsstelle Magdeburg veröffentlicht. Unmittelbar darauf meldeten am Dienstag bereits Erben von damals verfolgten Juden erste Ansprüche an. Die beteiligten Ministerien sicherten eine zügige Recherche zu. Dennoch ist die Frage möglicher Rückgaben weiterhin ungeklärt.

   Eine mindestens sechsköpfige Expertengruppe soll die Herkunft aller Bilder recherchieren, darunter Werke von Max Liebermann, Henri Matisse, Marc Chagall und Otto Dix, aber auch alte Meister wie Canaletto. Die Liste im Internet soll fortlaufend aktualisiert werden. Die Gruppe traf sich am Dienstag erstmals. Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt.

   Allein 13 der bei dem Händlererben Cornelius Gurlitt schon Anfang 2012 sichergestellten Kunstwerke stammen nach einem Bericht der Tageszeitung «Die Welt» aus der Sammlung des jüdischen Rechtsanwalts Fritz Salo Glaser aus Dresden. Dabei handele es sich auch um Arbeiten von Otto Griebel, Christoph Voll und Ludwig Godenschweg, die alle auf der Liste stehen. «Wir werden die Bilder auf jeden Fall zurückfordern», sagte die Anwältin der Glaser-Erben, Sabine Rudolph, der «Welt». «Die Frage ist allerdings, von wem.»

   Erst vor eineinhalb Wochen wurde der spektakuläre Fund bekannt. Nach massiver Kritik an der langen Geheimhaltung des Fundes gibt es nun konkretere Angaben: Demnach sind laut Staatsanwaltschaft Augsburg 970 der gut 1400 Werke zu überprüfen. Davon könnten 380 Werke dem Bereich der von den Nazis als «entartet» gebrandmarkten Kunst zugeordnet werden, die von ihnen aus Museen und Sammlungen beschlagnahmt wurden.

   Bei rund 590 Werken müsse überprüft werden, ob ein «NS-verfolgungsbedingter Entzug» vorliegen könnte - dies träfe auf Kulturgüter zu, die zumeist jüdische Eigentümer unter Zwang oder unter Drohungen oft zu Spottpreisen verkaufen mussten. Betroffen sein könnten auch Bilder, die von den Nationalsozialisten aus Privateigentum entwendet wurden.

   Der NS-Raubkunstforscher Willi Korte hält die Veröffentlichung der Liste für nicht ausreichend. «Die Bundesregierung hat einen ersten Schritt getan, um Druck von sich zu nehmen», sagte Korte der Nachrichtenagentur dpa. Die entscheidende Frage, wie mit den Bildern aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt umgegangen werden solle, sei nicht geklärt. Die Rückgabe möglicher NS-Raubkunstwerke liege nicht in der Hand der Bundesregierung. Es gebe bisher «keine gegenteilige Rechtsauffassung», dass die Bilder nicht privater Besitz von Cornelius Gurlitt seien.

   Die Provenienz-Experten sollen parallel zum Ermittlungsverfahren der Augsburger Staatsanwaltschaft arbeiten. Die Fragen zur Restitution könnten «in einem Strafverfahren allein nicht hinreichend geklärt werden», hieß es in einer gemeinsamen Pressemitteilung der beteiligten Ministerien von Bund und Bayern.

   Die Leitung der «Taskforce» übernimmt die frühere Ministerialdirektorin Ingeborg Berggreen-Merkel. Die Jewish Claims Conference, die sich für die Restitution geraubten jüdischen Eigentums einsetzt, forderte im ZDF-«Morgenmagazin» einen Platz in der Expertengruppe.

   Die Erben des jüdischen Sammlers Alfred Flechtheim begrüßten die Veröffentlichung einiger Kunstwerke. «Man hat verstanden, dass eine weitere unnötige Zurückhaltung von Informationen - insbesondere für die älteren Anspruchsteller - schmerzhaft wäre», erklärten die Rechtsanwälte Mel Urbach und Markus Stötzel.

   Der auf die Rückgabe von NS-Raubkunst spezialisierte Anwalt Matthias Druba kritisierte die lange Geheimhaltung des Münchner Bilderfundes scharf. «Offenbar haben die bayerischen Justizbehörden versucht, auf Zeit zu spielen», sagte er. Man habe offenbar gehofft, «dass sich keiner meldet, die Bilder damit dem Staat zufallen und sich alles von selbst erledigt».

   Angesichts möglicher Rückgabeansprüche hofft Druba auf «den guten Willen» von Cornelius Gurlitt. Dieser habe mit der Versteigerung des Bildes «Der Löwenbändiger» von Max Beckmann, dessen Erlös er sich mit den Flechtheim-Erben teilte, Bereitschaft gezeigt, auf Ansprüche von Dritten einzugehen.

   Der bayerische Justizminister Winfried Bausback (CSU) sicherte die schnellstmögliche Untersuchung der verdächtigen Werke in der Gurlitt-Kunstsammlung zu, um auch im Interesse der betroffenen Eigentümer die Voraussetzungen für eine Rückgabe an Enteignete zu schaffen. «Ich möchte, dass es so schnell wie möglich geht.»