Bundeswehr verlässt Feldlager Kundus nach zehn Jahren

Die Bundeswehr hat ihren Einsatz in der nordafghanischen Unruheprovinz Kundus nach zehn Jahren offiziell beendet. Verteidigungsminister Thomas de Maizière und Außenminister Guido Westerwelle übergaben bei einer feierlichen Zeremonie das Feldlager Kundus an die afghanischen Sicherheitskräfte.

Bundeswehr verlässt Feldlager Kundus nach zehn Jahren
Michael Kappeler Bundeswehr verlässt Feldlager Kundus nach zehn Jahren

Kundus sei der Ort, an dem die Bundeswehr lernen musste zu kämpfen, sagte de Maizière. «Das war eine Zäsur, nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft.»

Spätestens Ende des Monats soll die Bundeswehr das Feldlager vollständig geräumt haben. Sie kann dann aber im Notfall noch eine bis zu 300 Mann starke Einreiftruppe zur Unterstützung der afghanischen Verbündeten aus dem Hauptquartier in Masar-i-Scharif nach Kundus schicken.

Derzeit sind noch etwa 4000 deutsche Soldaten am Hindukusch, 900 davon in Kundus. Nirgendwo in Afghanistan fielen mehr deutsche Soldaten als in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan. «Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen», sagte de Maizière. «Auch wenn die Bundeswehr Kundus heute verlässt: Vergessen werden wir diesen Ort niemals.»

Westerwelle betonte, dass sich das deutsche Engagement in Afghanistan bisher gelohnt habe und weiter fortgesetzt werde. «Vieles ist heute besser in Afghanistan, aber noch lange ist nicht alles gut», sagte der FDP-Politiker. «Wir kehren den Menschen in Afghanistan nicht den Rücken.»

An der Übergabezeremonie nahmen auch der afghanische Vize-Verteidigungsminister Nasrullah Nasari und Innenminister Umer Daudsai teil. Daudsai zeigte sich sicher, dass die afghanischen Kräfte alleine für die Sicherheit in Kundus sorgen könnten. «Jetzt haben wir eine starke Armee und eine starke Polizei in Afghanistan», sagte er.

De Maizière und Westerwelle reisten erstmals gemeinsam nach Afghanistan, um die Bedeutung der Übergabe des Feldlagers zu unterstreichen. Westerwelle ist nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag nur noch bis zur Bildung einer neuen Regierung im Amt.

Die Zeremonie fand unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt. Am Sonntagmorgen kam es in Kundus zu Gefechten zwischen Taliban-Kämpfern und der Polizei. Aufständische hätten einen Mitarbeiter der bürgerwehrähnlichen Ortspolizei ALP im Distrikt Char Darah angegriffen und getötet, sagte Distrikt-Gouverneur Salmai Faroki der Nachrichtenagentur dpa. Ein Bundeswehrsprecher in Kundus sagte, deutsche Soldaten seien nicht beteiligt.

In Südafghanistan wurden nach afghanischen Angaben vom Sonntag vier US-Soldaten getötet. Die Nato bestätigte lediglich den Tod von vier Soldaten der internationalen Afghanistantruppe. Am Samstag war in Südafghanistan ein westlicher Soldat von einem verbündeten Sicherheitsmann erschossen worden. Bei einem Nato-Luftangriff im Osten Afghanistans wurden am Samstag fünf Zivilisten getötet, darunter drei Schulkinder. Die Opfer seien auf der Vogeljagd gewesen, sagte ein Polizeisprecher der Region Nangarhar. Die Nato erklärte, sie untersuche den Vorfall.

Die Schließung des deutschen Feldlagers in Kundus ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der Bundeswehr raus aus Afghanistan. Der Nato-Kampfeinsatz läuft Ende kommenden Jahres aus. Unter dem Namen «Resolute Support» (Entschlossene Unterstützung) plant die Nato einen kleineren Nachfolgeeinsatz, an dem sich Deutschland mit bis zu 800 Soldaten beteiligen will.

Der Abzug der einst bis zu 5350 Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan hatte vor knapp zwei Jahren begonnen. In Kundus waren zu Spitzenzeiten 1420 deutsche Soldaten. Nach der Übergabe des Camps an die Afghanen wird die Bundeswehr ein abgeriegeltes Areal behalten, das sie als Basis etwa bei Einsätzen zur Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte in der Region nutzen könnte. Dort können bis zu 300 Soldaten unterkommen.

Die Sicherheitslage in Kundus ist angespannt und hat sich in den vergangenen Monaten wieder verschlechtert. Insgesamt kostete der Afghanistaneinsatz bislang 54 Bundeswehrsoldaten das Leben, 35 davon starben bei Angriffen und Anschlägen. Die meisten Deutschen fielen in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan.