«Buuuh!» - Wenn Opernbesuchern der Kragen platzt

Bernd Schwab schiebt erstmal eines vorneweg. «Ich applaudiere ganz heftig und ganz viel», sagt er. «Da darf jetzt kein falscher Eindruck entstehen.»

«Buuuh!» - Wenn Opernbesuchern der Kragen platzt
Jörg Carstensen «Buuuh!» - Wenn Opernbesuchern der Kragen platzt

Schwab ist ein eher unauffälliger Mann, Anfang 60, mit Hemd und Jackett. Er geht privat viel in die Oper. Viel, das heißt bei ihm etwa siebzig Abende im Jahr. Bernd Schwab klatscht dann gern. Bernd Schwab ist aber auch schon heiser aus dem Saal gegangen. Weil er so viel gebuht hat.

Für ihn sei das manchmal der einzige Weg, seinen Ärger loszuwerden, sagt der Berliner, nämlich wenn er die Inszenierung eines Regisseurs gar nicht verstehe. Es ist nicht so, dass sich Schwab keine Mühe gibt. Er sagt, er lese viel, bevor er eine Premiere sieht. Überhaupt, neue Inszenierungen schaut er mindestens dreimal. Um reinzukommen ins Stück. Manchmal platzt ihm dann aber trotzdem der Kragen.

«Ich bin ja der Regie ausgeliefert, nix weiter. Ich kann ja nichts machen», sagt er. «Dann staut sich irgendetwas halt auf.» Dann wird er laut.

Wikipedia erklärt im Eintrag Buhruf unter «Vorgang»: «Hierbei wird in der Regel tatsächlich laut «Buh» gerufen». In deutschen Opernhäusern kann man das Phänomen krakeelender Zuschauer manchmal erleben, allen voran in Berlin und Bayreuth. So erklärt es Musikwissenschaftler Anno Mungen von der Universität Bayreuth. «Wo es relativ selten der Fall ist? In den USA. In New York habe ich das nicht erlebt, an der Met.»

Buhrufe hätten in der Musikgeschichte durchaus Tradition, sagt Mungen. Früher habe es ohnehin ein größeres Repertoire an Publikumsreaktionen gegeben. Auch Kritiker der Zeitungen hätten früher viel berichtet, wie das Publikum reagiert.

Aber Buhrufe in der Oper? Dem Zuhause der Hochkultur? Damit ist nicht jeder einverstanden, allen voran naturgemäß die Opernmacher selbst. Dirigent Daniel Barenboim von der Berliner Staatsoper findet das primitiv. «Sehen Sie: Wenn Sie in ein sehr gutes Restaurant gehen und das Essen gefällt Ihnen nicht, gehen Sie dann in die Küche und schreien den Koch an? Nein!», sagte der 73-Jährige der dpa. «Sie geben vielleicht ein bisschen weniger Trinkgeld als sonst und gehen vielleicht nie wieder in dieses Restaurant.» In der Oper ist das natürlich nicht ganz so einfach.

Ähnlich wie Barenboim sieht es auch Dirigent Christoph Eschenbach vom National Symphony Orchestra in Washington. «Ich finde schon diesen Laut - oder diesen Unlaut - Buh, finde ich etwas sehr Vulgäres und Hässliches», sagt der 76-Jährige. Wenn man es nicht möge, solle man nicht klatschen und rausgehen. Buhrufe sein vulgär. «Und man versucht damit auch, die Leute, die begeistert sind runter zu buhen», sagte Eschenbach. «Das ist so was wie Bürgerkrieg im Publikum.»

Auf neue Zuschauer kann das in der Tat komisch wirken, wenn im Publikum manche in tiefen Lauten losbuhen. Und andere fleißig weiter klatschen. Das kann fast zu einem zweiten Konzert ausufern. Buuuuh. Klatschklatschklatsch. Nach Angaben der Deutschen Oper sind Buhrufe grundsätzlich zulässig. «Es ist selbstverständlich erlaubt, im Zuschauerraum seine Meinung kundzutun», sagt eine Sprecherin. Und was sagt der Knigge, die Benehmensbibel?

Linda Kaiser von der Deutschen Knigge Gesellschaft findet Buhrufe unangebracht und überflüssig. «Buh-Rufe können nicht erwidert oder diskutiert werden und stehen so - als Form der Meinungsbekundung - für einen höflichen Menschen nicht zur Verfügung», schreibt sie auf Nachfrage. Wenn es einem gar nicht gefalle, könne man in der Pause gehen. «Leere Zuschauerplätze sprechen für sich.»

Auch Bernd Schwab entscheidet sich manchmal so. Oder er verweigert den Applaus. Er ist ja kein unhöflicher Mensch. Wenn er in sein Lieblingsopernhaus - die Deutsche Oper in Berlin - geht, kennt er die Pförtner mit Namen und winkt vielen Menschen. Er sagt, er würde nie einen Sänger ausbuhen. «Das finde ich unfair.» Aber seinem Unmut über einen Regisseur macht er Luft. Sein «Buhgewitter», so nennt Schwab das, hat er in der aktuellen Saison schon drei mal losgelassen.

Er glaubt, es würden eigentlich oft mehr Menschen buhen, sie trauten sich aber nicht. Der Saal voller Zuschauer bilde ja eine Gemeinschaft, wenn alle zusammen applaudierten. «Sie setzten sich ja als Buher davon ab», erklärt er. Man schließe sich selbst aus, was für Menschen eine gewisse Hemmschwelle bedeute. «Deswegen glaube ich, gibt es auch eine ganze Menge Menschen, die nie buhen», sagt Schwab. «Obwohl sie mir dann danach erzählen, sie seien ja entrüstet über die Inszenierung!»