Blutbad in US-Kirche: Behörden sprechen von «Hate Crime»

Entsetzen, Wut, Sprachlosigkeit. Noch Stunden nach dem Massaker in einer Kirche kann der Polizeichef von Charleston nicht fassen, was geschehen ist.

«Die Tragödie, die wir durchmachen, ist unbeschreiblich.» Blutige Überfälle und Amokläufe sind in den USA nicht gerade unbekannt. Aber neun Tote in einer Kirche - und alle Opfer schwarz, der Täter weiß! Amerika steht unter Schock. Die Frage, die sich das Land an diesem Donnerstagmorgen stellt, ist kurz und schmerzhaft: Warum?

Ersten Ermittlungen zufolge ist der Täter knapp 1,80 Meter groß, schlank, zwischen 20 und 25 Jahre alt und hat einen auffälligen mittelblonden Haarschopf. Die Polizei veröffentlicht eine Videoaufnahme, die zeigt, wie er am Mittwochabend (Ortszeit) die Kirche betritt. Ein Weißer in einer Kirche, die ansonsten zumeist Afroamerikaner besuchen? Daraus kann Polizeichef Gregory Mullen nur einen Schluss ziehen. «Ich bin überzeugt, dass es sich um Verbrechen des Hasses handelt.»

«Hate Crime», dass hässliche Wort hängt an diesem Morgen wie ein dunkler Schatten über dem Land. «Hate Crime» - das ist das Codewort, das für Verbrechen aus rassistischen Motiven steht. Seit Monaten wird das Land von Gewalttaten erschüttert, bei denen weiße Polizisten die Schützen oder Täter sind und Afroamerikaner die Opfer.

Nach bisherigen Ermittlungen trug sich das Blutbad etwa wie folgt zu: Der Täter betritt kurz nach 20 Uhr abends die Afrikanisch-methodistische Episkopalkirche der Stadt, berichtet Mullen. Dort halten die Gemeindemitglieder gerade Bibelstunde. Der Täter habe sich zu ihnen gesetzt. Etwa eine Stunde habe er gewartet - und dann das Feuer eröffnet. «Der einzige Grund dafür, dass jemand in eine Kirche geht und Leute erschießt, ist Hass», sagt auch Bürgermeister Joe Riley. Eine Erklärung ist auch das nicht.

Insgesamt sterben neun Kirchgänger - drei Männer und sechs Frauen. Höchst verwirrend und beunruhigend ist ein Detail. Eine Überlebende berichtet laut lokalen Medien, der Täter habe ihr gesagt, er lasse sie leben, damit sie alles erzählen kann, was in der Kirche passiert. «Das deutet auf Eitelkeit hin», schließen TV-Kommentatoren daraus. Polizeichef Mullen sagt, man wisse nicht, ob der Täter wild um sich geschossen oder seine Opfer bewusst ausgewählt habe. Acht der Opfer sterben am Tatort, eines im Krankenhaus.

Die Schreckensnachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Polizeiautos sperren die Zufahrt zur Kirche ab, Blaulicht durchzuckt die Nacht, Sirenengeheul ist zu hören. Im Nachthimmel über der weiß gestrichenen Kirche aus Backstein kreisen Polizeihubschrauber auf der Suche nach dem Täter.

Die Gemeinde reagiert mit Entsetzen: Die Menschen treffen sich noch in der Nacht, umarmen sich, beten. «Alles, was wir brauchen, ist Frieden», ruft ein aufgebrachter junger Mann. Ähnlich äußern sich der Polizeichef und der Bürgermeister. Es ist viel von «Zusammenhalten» und «Frieden» die Rede in diesen nächtlichen Schreckensstunden.

Doch auch die Angst geht um. Die Angst, dass die Lage eskalieren könnte. In den vergangenen Monaten waren an mehreren Orten in den USA Afroamerikaner von weißen Polizisten erschossen worden - vielfach kam es danach zu gewaltsamen Protesten. Steht Ähnliches nun auch in Charleston bevor?

Doch Angst grassiert an diesem Donnerstag auch aus einem anderen Grund: Noch immer ist der Täter auf der Flucht. «Das ist eine sehr gefährliche Person, der man sich nicht nähern sollte», warnt der Polizeichef. «Wir wollen nicht, dass jemand in Gefahr gerät.»

«Wir müssen sicherstellen, dass der Täter seinen Preis für seine Taten zahlen muss», sagte Bürgermeister Riley. Die Polizei veröffentlicht das Foto des mutmaßlichen Täters sowie ein Foto des Fluchtwagens, eine schwarze Limousine.

«So etwas darf nicht passieren. Die Leute müssen unbehelligt in die Kirche kommen können. Das muss sein», meint einer der Geistlichen vor der Kirche, die zum Tatort des jüngsten Blutbades in den USA geworden ist.