Chipperfield lässt vor Museumssanierung Bäume wachsen

Berlin wird in puncto Kunst derzeit arg gebeutelt. Seit Montag ist der Pergamonaltar wegen einer grundlegenden Museumssanierung für mindestens fünf Jahre nicht mehr zu sehen.

Chipperfield lässt vor Museumssanierung Bäume wachsen
Stephanie Pilick Chipperfield lässt vor Museumssanierung Bäume wachsen

Ende des Jahres wird auch der wichtigste Ort für moderne Kunst dicht machen. Der britische Stararchitekt David Chipperfield soll die Neue Nationalgalerie, das legendäre Gebäude von Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969), in den kommenden drei Jahren denkmalgerecht sanieren.

Zur Einstimmung auf das Projekt überrascht Chipperfield mit einer faszinierenden «Intervention», wie er es nennt. Unter dem Titel «Sticks and Stones» hat er den großen quadratischen Glaspavillon mit 144 entrindeten Baumstämmen in eine Säulenhalle verwandelt. «Wenn man eine Ausstellung in diesem Raum macht, muss Mies van der Rohe der Hauptdarsteller des Stücks sein», sagte der 60-jährige Brite am Dienstag bei der Vorstellung des Projekts.

Seine gut acht Meter langen, bis zu 1000 Kilo schweren Baumstämme greifen die Idee des Gebäudes kontrapunktisch auf. Denn der Mies-Bau, seit seiner Eröffnung 1968 als Ikone der Klassischen Moderne gefeiert, zeichnet sich gerade durch seine scheinbar freischwebende Dachkonstruktion aus. Darunter öffnet sich ein lichter, stützenfreier Raum von 2500 Quadratmetern, der nun durch die geometrische Anordnung der «Bäume» faszinierende Perspektiven vermittelt.

«Das ist eine sehr spielerische und humorvolle Auseinandersetzung mit der Architektur des Gebäudes», sagt Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann, der vor drei Jahren die erste Idee zu einem Ausstellungsprojekt mit Chipperfield bei einer gemeinsamen Fahrradtour durchs Brandenburgische ausheckte. «Eigentlich haben wir nichts anderes getan, als 144 Baumstämme in den schönsten Raum Berlins zu stellen und zu warten, was passiert», sagt der Künstler selbst.

Zum ersten Mal gibt er auch einen Hinweis darauf, wie er an das sensible Sanierungsprojekt bei dem fast 50 Jahre alten Gebäude herangehen will. «Ich fühle mich so wie ein Kfz-Mechaniker, der einen wunderschönen Mercedes 1965 in die Werkstatt gestellt bekommt», erzählt Chipperfield.

Der Besitzer wünsche sich moderne Sicherheitsgurte, einen neuen Motor und sauber schließende Türen, wolle aber natürlich sein altes, geliebtes Auto völlig unverändert zurück. «Wir werden also das Museum ein paar Jahre in der Werkstatt haben, die Motorhaube öffnen und alles in Schuss bringen. Und wenn es dann rauskommt, steckt man den Zündschlüssel rein, fährt einmal um den Block und alles ist okay.»

Dass der Brite der richtige Mann in der Werkstatt ist, davon sind die Staatlichen Museen überzeugt. «Er ist zum Glück kein Mensch, der sich selbst ein Denkmal setzen muss», sagt Kittelmann. Und Museen-Generaldirektor Michael Eissenhauer erinnert an die «sensible, respektvolle und kluge Art», mit der Chipperfield das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel von 1997 bis 2009 zu einem der weltweit schönsten Museen ausgebaut hat. Auch für die James-Simon-Galerie, das künftige Empfangsgebäude der Museumsinsel, zeichnet er verantwortlich.

Bis die Türen der Neuen Nationalgalerie am 31. Dezember schließen, können sich die Besucher von Donnerstag an noch an Chipperfields «Wald» erfreuen. Auf einer 200 Quadratmeter großen «Lichtung» in der Mitte plant der in Berlin lebende dänische Künstler Olafur Eliasson für das letzte Oktoberwochenende zudem ein Kunstfestival mit Performances, Lesungen und Installationen.

Allerdings sorgte schon das Aufstellen der Bäume für gewisse Verwirrung, erzählt Chipperfield. «Ein paar Leute kamen und fragten: Ist das Gebäude schon so unsicher, dass Sie das Dach abstützen müssen?»