Chronist der deutschen Teilung: Erich Loest ist tot

Sein Thema war die deutsch-deutsche Geschichte. Als freier Schriftsteller in der DDR, nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik, im wiedervereinten Land: Stets warf Erich Loest einen ebenso kritischen wie unerbittlichen Blick auf die Verhältnisse.

Auch außerhalb des Literaturbetriebes erhob er seine Stimme als politischer Kopf. Jetzt ist der Chronist der deutschen Teilung verstummt. Loest starb am Donnerstagabend nach dem Sturz aus einem Fenster der Leipziger Uni-Klinik. Die Polizei geht nach ersten Ermittlungen von einem Suizid des 87-Jährigen aus.

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Loest als großen Erzähler und unbestechlichen Chronisten deutscher Geschichte. «Wir verlieren einen Schriftsteller mit einer unbeugsamen Haltung: nämlich der Wahrheit und der Freiheit verpflichtet zu sein», sagte Gauck. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) erklärte: «Sein Tod bedeutet für die Literaturlandschaft in Deutschland einen großen Verlust.»

Geschrieben hat Loest laut seinem Verleger Gerhard Steidl bis zuletzt. «Ein halb fertiges Manuskript liegt bei ihm auf dem Schreibtisch.» Erst vor einigen Tagen erschien die Erzählung «Lieber hundertmal irren». Nur an das große Format des Romans hatte sich Loest in den letzten Jahren nicht mehr gewagt. «Einen Roman überblickt man nicht mehr in diesem Alter, da sind einem Grenzen gesetzt», sagte der Leipziger Autor zu seinem 85. Geburtstag im Jahr 2011.

Dabei spannte sich sein Roman-Schaffen über fast 60 Jahre. 1950 erschien sein Debütroman «Jungen, die übrigblieben». Schon darin analysiert Loest die Zeitgeschichte und erzählt von jungen Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs. Danach wird die deutsch-deutsche Teilung zu seinem Hauptthema.

Die deutsche Geschichte hat Loest wie nur wenige andere Autoren auf wechselhafte Weise am eigenen Leib erfahren: 1926 im sächsischen Mittweida geboren, war er junger Soldat im Zweiten Weltkrieg und NSDAP-Mitglied, trat erst mit voller Überzeugung in die SED ein und später desillusioniert wieder aus. Er verbüßte sieben Jahre wegen «konterrevolutionärer Gruppenbildung» im gefürchteten Stasi-Knast in Bautzen - für ihn «gemordete Zeit», wie er in seiner Autobiografie «Durch die Erde ein Riss» notiert.

Von 1978 bis 1980 schreibt er in Leipzig große Teile seines Romans «Völkerschlachtdenkmal». «Ich wusste, dass für mein Vorhaben in der DDR nicht die geringste Chance bestand», berichtet er später. 1979 tritt er aus Protest aus dem Schriftstellerverband der DDR aus, 1981 verlässt er den SED-Staat endgültig und lässt sich zunächst in Osnabrück nieder. «Völkerschlachtdenkmal» über einen von der Stasi verfolgten Pförtner des monumentalen Baus in Leipzig erscheint 1984 in der Bundesrepublik. Mit dem letzten Roman «Löwenstadt» wird es 2009 eine Fortsetzung finden.

Nach dem Mauerfall kehrt der überzeugte Sachse in seine alte Heimat zurück. Sein Buch «Nikolaikirche» über eine Familie am Ende der DDR findet große Resonanz. Loest lässt die Geschichte an realen Orten spielen, und Menschen, die im Herbst 1989 eine gewichtige Rolle in Leipzig spielten, wie der Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer oder der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, sind zu entdecken.

«Seine» Stadt Leipzig verleiht dem streitbaren Loest 1996 die Ehrenbürgerwürde - obwohl er unbequem sein kann. So protestiert er lautstark gegen realsozialistische Kunstwerke im öffentlichen Raum. Privat lebte Loest, der laut seinem Verleger Steidl «fast ein literarischer Superstar war», in einem schlichten Mehrfamilienhaus in einem bürgerlichen Stadtteil. Nachbarn nahmen die Nachricht vom Tod des Schriftstellers geschockt auf.