«Cinema America»: Der Kampf um ein römisches Kino

Vor mehr als 25 Jahren berührte das Schicksal eines sizilianischen Kleinstadtkinos im oscarprämierten Film «Cinema Paradiso» weltweit die Zuschauer.

«Cinema America»: Der Kampf um ein römisches Kino
I ragazzi del Cinema America «Cinema America»: Der Kampf um ein römisches Kino

Heute mobilisiert der Kampf einiger Teenager um das Lichtspielhaus «Cinema America» in der Hauptstadt Rom die Anteilnahme von Schauspielern, Regisseuren und sogar Italiens Präsidenten.

Die Geschichte um das umkämpfte 50er-Jahre-Kino beginnt mit seiner Schließung in den 90er Jahren. Ein Investor kauft das Gebäude in Travestere, um es abzureißen und Luxuswohnungen zu bauen. Doch Ende 2012 besetzen Schüler und Studenten das Gebäude. Sie gründen das «Cinema America Occupato», ein Gemeindezentrum, das Filmvorführungen, Theaterkurse, einen Lernbereich und Spielübertragungen des Fußball-Ligisten AS Rom anbietet. In der Gegend, die sich vom Arbeiterviertel zum Szenekiez entwickelt hat, füllen sie damit eine Lücke.

«In Travestere versuchen die Leute, jede Ecke und jeden Winkel in ein "Bed & Breakfast" zu verwandeln, während die traditionellen Läden schließen und durch trendige Bars ersetzt werden», sagt Francesco Lomonaco, einer der Aktivisten. Es gebe kaum noch Orte, um einfach abzuhängen - überall müsse man Geld ausgeben. «Keiner von uns war von Anfang an ein Kinofan: Was für uns zählte war, den Raum für die öffentliche Nutzung zurückzuerobern», sagt der 20-jährige Student.

Innerhalb der nächsten Monate mausert sich das besetzte Kino zu solch einem Erfolg, dass sogar große Namen der Filmbranche das Projekt unterstützen. Sie lassen ihre Filme kostenlos aufführen und bieten Fragerunden mit den Zuschauern an. Regisseure wie Francesco Rosi, Ettore Scola und Nanni Moretti sowie Autoren wie Daniele Luchetti und Paolo Sorrentino, der mit «La Grande Bellezza» 2014 den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film gewann, machen mit.

«Das Kino hatte 700 Sitze, aber bei den Events mit den Filmemachern waren wir immer mindestens 1000 Leute», erinnert sich Lomonaco. «Es ist eine großartige Erfahrung, den Film zusammen zu schauen und hinterher fragen zu können: "Warum machten Sie dies oder das in der Szene?» Doch den Zauber beendet die Polizei, die Anfang September zur Räumung anrückte. «Großmütterchen aus der Nachbarschaft kamen auf die Straße, um die Polizei anzuschreien», erzählt der Student.

Einer der Besitzer, Massimo Paganini, fühlt sich angeprangert, mit den Bebauungsplänen Kultur zu vernichten - zu Unrecht, findet er. Schließlich hätten zuletzt viele Kinos geschlossen, eben weil die jungen Leute nicht mehr hingingen. «Ich selbst war am Wochenende in einem Multiplex, um einen Blockbuster zu sehen, und wissen Sie, wie viele Zuschauer da waren? Vielleicht 30!», sagt Paganini. Tatsächlich schlossen laut den Aktivisten im Zentrum Roms in den letzten Jahren 42 Kinos. Zum Teil liegt das an der Konkurrenz gestreamter Inhalte im Netz. Aber die Ewige Stadt leidet auch unter knappem Budget und hat mehreren kulturellen Projekten die Förderung gestrichen.

Lomonaco sagt, dass die römischen Behörden die Besitzer vom Weiterverkauf überzeugen sollten. Das Gebäude könnte ohnehin bald unter Denkmalschutz stehen und dann nicht mehr abgerissen werden. Der Plan der Aktivisten sieht vor, dass ein Kollektiv das Kino mit Hilfe einer Fundraising-Kampagne und der Unterstützung von Filmstars kauft. Die Schauspieler Toni Servillo und Elio Germano, Sorrentino und zwei weitere Regisseure säßen bereits im Boot, sagt der Student.

Laut einer Stadtsprecherin ist ein Treffen zwischen den Besitzern und Roms Bürgermeister Ignazio Marino geplant. «Aber das Kino ist in Privatbesitz; wenn sie daran festhalten wollen, gibt es nicht viel, was wir tun können.» Paganini sagt, ein Verkauf hänge davon ab, ob die Stars wirklich investieren würden. Ohne solide Unterstützer taugten Jugendliche kaum als glaubwürdige Käufer.

Inzwischen sind Lomonaco und seine Mitstreiter in das «Piccolo Cinema America» umgezogen - eine kleinere Halle nebenan, wo vor Jahren eine Bäckerei schloss. Der Eigentümer überließ ihnen die Räumlichkeiten kostenlos. Die rund 20 Jugendlichen haben seither ihre Freizeit zwischen Schule oder Uni zum Renovieren genutzt.

Dabei erhielten sie unerwartet Wertschätzung von ganz oben. «Die Bemühungen derjenigen, die arbeiten, um die weite Präsenz von Kulturzentren, Theatern und Kinos in den historischen Gegenden unserer Städte zu erhalten, muss als höchst positiv gelten», erklärte Italiens Präsident Giorgio Napolitano kürzlich in einer Mitteilung. In Travestere leisten Nachbarn derweil eine andere Form der Unterstützung, wie Lomonaco erzählt: «Eine alte Dame kam jeden Tag vorbei und brachte uns ein Tablett mit ihrem Nudelauflauf.»