«Cinema for Peace» ehrt Ai Weiwei und Til Schweiger

«Je suis Charlie»: Den Künstlern vom französischen Satiremagazin «Charlie Hebdo» steht fünf Wochen nach dem Terroranschlag auf ihre Redaktion nicht der Sinn nach Feiern.

«Cinema for Peace» ehrt Ai Weiwei und Til Schweiger
Jens Kalaene «Cinema for Peace» ehrt Ai Weiwei und Til Schweiger

Stattdessen schicken sie eine Zeichnung zur traditionellen Benefiz-Gala der Initiative «Cinema for Peace» am Montagabend in Berlin - eine Friedenstaube mit Ölzweig im Schnabel.

Als Symbolfigur für den Kampf um Meinungsfreiheit wird dann der chinesische Künstler Ai Weiwei geehrt. Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina von der russischen Punk-Band Pussy Riot, die selbst wegen ihrer Putin-kritischen Auftritte im Gefängnis saßen, heben in ihrer Laudatio den Mut und die Ausdauer des 57-jährigen Regimekritikers hervor. Ai Weiwei ist in seiner Heimat verfemt und darf seit vier Jahren nicht ausreisen.

In einer Videobotschaft ruft er die dinierenden Gäste im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf, die Kunst- und Redefreiheit als elementares Grundrecht zu verteidigen. «Ich glaube, wenn wir alle daran arbeiten, unsere Menschenrechte zu verwirklichen, hilft das nicht nur mir, sondern jedem.» 

Erstmals wird auch ein deutscher Film gewürdigt. Til Schweiger erhält einen Sonderpreis für seinen Kassenknüller «Honig im Kopf» über einen Alzheimer-Kranken. Warum, weiß kein Mensch. Die Begründungsrede von Katja Riemann wird durch eine Filmeinspielung unterbrochen, noch ehe sie zum Punkt kommt.

Auch sonst mehr Patzer als Preise. Ein Öko-Aktivist, der zusammen mit einem verkleideten «Indianer» zum Ausstieg aus den fossilen Energien aufruft, purzelt zunächst betrunken von den Stufen. Schon bald schleppen zwei Sicherheitsleute den Überraschungsgast recht handfest aus dem Saal - Meinungsfreiheit in der Praxis. Laudatorin Natalie Portman ist derweil schon spurlos von der Bühne verschwunden.

In der Kategorie «Wertvollster Film des Jahres» gibt es diesmal gleich drei Gewinner: das Martin-Luther-King-Porträt «Selma» von Ava DuVernay, den französisch-mauretanischen Spielfilm «Timbuktu» von Abderrahmane Sissako und das US-Kriegsdrama «Unbroken» von Angelina Jolie.

Doch wie die Hollywood-Diva fehlen auch mehrere andere Preisträger bei der Gala. Selbst der als Stargast angekündigte US-Frauenschwarm James Franco («The Interview») lässt sich nicht blicken. Ein zur Versteigerung ausgelobtes Treffen mit dem 36-jährigen Beau bei den Filmfestspielen in Cannes muss die Auktionatorin denn auch anbieten wie sauer Bier. «Die Organisation ist unter aller Sau», stöhnt eine Mitarbeiterin.

Die Initiative «Cinema for Peace» hatte sich nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York 2001 gegründet. Sie will mit den Mitteln des Films gegen Krieg und Ungerechtigkeit kämpfen. In Berlin feiert sie traditionell am Rande der Berlinale eine Spenden-Gala, hat aber mit dem Festival nichts zu tun.

Für einen der wenigen berührenden Momente an diesem Abend sorgt der Klezmer-Star Giora Feidman, als er auf seiner Klarinette wunderbar poetisch die Nationalhymnen von Deutschen, Israelis und Palästinensern mischt. «Sie haben mir auch einen Zettel gegeben, was ich sagen soll», sagt der 78-Jährige, «aber sie haben vergessen, dass ich fast blind bin.»