Computer rekonstruiert zerrissene Stasi-Akten

Rund 24 Jahre nach dem Mauerfall wird die Rekonstruktion zerrissener Stasi-Dokumente per Computer getestet. Das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) hat an der weltweit einmaligen Technologie seit 2007 getüftelt.

Computer rekonstruiert zerrissene Stasi-Akten
Patrick Pleul Computer rekonstruiert zerrissene Stasi-Akten

«Das Rätsel ist gelöst, die Forschung abgeschlossen», sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, der Nachrichtenagentur dpa. Aus Papierschnipseln seien bereits 16 300 Blätter digital zusammengesetzt worden. Er erwarte neue Erkenntnisse, sagte der frühere DDR-Oppositionelle. «Wir hoffen, mit den Akten die Westarbeit der Stasi tiefer beleuchten zu können.»

Wegen der komplizierten Materie hatte sich das Projekt verzögert. Die neue Software könne nun Risskanten, Schrift- und Papierarten eindeutig zuordnen, so Jahn. Derzeit werde noch ein Spezial-Scanner entwickelt. Mehr als acht Millionen Euro hat die Innovation bislang gekostet. Wie lange die Testphase dauere, sei noch offen, sagte Jahn. Dem Bundestag werde ein Abschlussbericht vorgelegt. Das Parlament müsse dann entscheiden, ob das gigantische Computer-Puzzle weitergeführt werde und welche Mittel dafür gebraucht würden.

Rund 15 000 Säcke mit nicht erschlossenen Stasi-Papieren lagern laut Jahn noch in Depots. «Die Rekonstruktion per Hand läuft aber weiter. 1,4 Millionen Blätter sind schon fertig.» Laut Fraunhofer-Institut würde das manuelle Zusammensetzen aller Schnipsel bis zu 800 Jahre dauern.

Nach dem Mauerfall hatten Stasi-Offiziere massenhaft Akten vernichten wollen. Reißwölfe liefen heiß, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit zerfetzten per Hand Papiere direkt von ihren Schreibtischen. Stasi-Befehle ordneten an, «belastendes Material zu vernichten» und Inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu schützen. Aber Bürgerrechtler stoppten die Aktion und retteten zahlreiche Papiere.

Gerade die Hauptverwaltung A (HVA) des Stasi-Ministeriums - zuständig für die West-Spione - habe allerdings große Lücken hinterlassen, sagte Jahn. «Diese Abteilung der DDR-Geheimpolizei schaffte es, sich nahezu selbst aufzulösen.» Für die Testphase seien gerade sichergestellte Papiere aus diesem Bereich ausgewählt worden. «Die Rekonstruktion gehört zu unserem gesetzlichen Auftrag, die Stasi-Akten für die Aufarbeitung bereitzustellen», unterstrich Jahn.

«Eine einzelne Seite macht meist noch keinen Sinn», erläuterte der Bundesbeauftragte. Die neuen Dokumente müssten eingeordnet werden. «Erst wenn das Blatt an der richtigen Stelle im Archiv liegt, kann es zum Beispiel bei dem Rehabilitierungsantrag eines Verfolgten helfen.»