Verteidiger hält Richter im Tugce-Prozess für befangen

Gegen den Vorsitzenden Richter Jens Aßling hat die Verteidigung im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce einen Befangenheitsantrag gestellt.

Aßling habe die Ereignisse, die in dem Tat-Video vom Parkplatz in Offenbach zu sehen seien, in einem Schreiben verzerrt dargestellt, begründete Anwalt Stephan Kuhn vor dem Landgericht Darmstadt seinen Antrag.

Aßling habe die Situation unmittelbar vor dem tödlichen Schlag so beschrieben, als ob der Angeklagte Sanel M. auf Tugce zugegangen und zurückgehalten worden sei. Das Video zeige aber, dass die 22-Jährige auf Sanel M. zugegangen sei. Oberstaatsanwalt Alexander Homm konnte den Antrag nach eigenen Worten nicht nachvollziehen: «Die Verhandlung wird bisher unvoreingenommen geführt.»

Über den Befangenheitsantrag entscheidet ein Mitglied einer anderen Strafkammer des Landgerichts zusammen mit den Beisitzern aus der Tugce-Kammer. Mit einem Ergebnis wurde nicht mehr für Freitag gerechnet. Prozessbeobachter gingen davon aus, dass der Antrag keine große Aussicht auf Erfolg haben dürfte.

Sanel M. steht wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht. Dem 18-Jährigen wird vorgeworfen, Tugce im November 2014 auf dem Parkplatz eines Fast-Food-Restaurants in Offenbach so heftig ins Gesicht geschlagen zu haben, dass sie stürzte, mit dem Kopf hart aufschlug und später starb.

Die Kammer hatte am siebten von zehn geplanten Verhandlungstagen insgesamt 18 Beamte geladen, aber nicht alle konnten erscheinen. Unter ihnen sind Polizisten, die am Tatort waren: Ein 33 Jahre alter Polizist schilderte die Festnahme. Sanel M. sei «ruhig und sogar ein bisschen träge» gewesen. «Wenn man halt seinen Alkohol abbaut», sagte der Polizist. Eine Überprüfung habe rund 0,9 Promille ergeben.

Der 18-Jährige habe «in keinster Weise aggressiv reagiert». Ein 27 Jahre alter Beamte sagte, ihm habe ein Kollege mitgeteilt, Sanel M. sei dann später bei seiner Einlieferung in eine Zelle «ziemlich aggressiv gewesen».

Zu den Zeugen gehörte auch eine Polizistin, die als eine der ersten Beamten am Tatort eintraf und sich zuerst um Tugce kümmerte, während ihr Kollege Anwesende befragte. «Ich habe Tugces Kopf ruhig und stabil zu halten versucht, so wie nach einem Motorradunfall», sagte die 26-Jährige. Das Ende des Prozesses wird für Mitte Juni erwartet.