Das große Warum

Der Schock steht Ulrich Wessel ins Gesicht geschrieben. Mit starr geradeaus gerichtetem Blick berichtet der Schulleiter über jenen Augenblick, als ihm klar wurde, dass er es den wartenden Eltern nun sagen musste.

Das große Warum
Rolf Vennenbernd Das große Warum

Er musste ihnen sagen, dass ihre Kinder tatsächlich alle tot waren - umgekommen beim Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. «Ich bin dann zu den Eltern gegangen», sagt er stockend. «Und ich kann Ihnen versichern: Einen Moment dieser Art brauch ich kein zweites Mal in meinem Leben.»

Über dem Leiter des Joseph-König-Gymnasiums hängt im Rathaus von Haltern ein riesiger gekreuzigter Jesus - ein Leidenssymbol. Zwar kann auf die Frage nach dem «Warum?» keine Religion oder Weltanschauung eine befriedigende Antwort geben.

Man kann aber etwas anderes tun, und die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bringt es an diesem Tag auf den Punkt: «Den Schmerz eines verlorenen Familienmitgliedes, den kann niemand - keine Macht der Welt - den Menschen nehmen. Wir können ihn nur teilen, und aus dem gemeinsamen Teilen kann ein wenig Trost erwachsen.»

Es gibt aber auch noch ein anderes Warum - und darauf muss dringend eine Antwort gefunden werden: Warum genau ist das Flugzeug abgestürzt? Es kursieren auch Spekulationen über ein eingerissenes Cockpit-Fenster. Die Piloten könnten dadurch möglicherweise erfroren oder erstickt sein, heißt es. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) betont: «Bisher verbietet es sich, Spekulationen anzustellen.» In Paris werten Experten den Stimmenrekorder aus dem Cockpit aus. Er ist stark beschädigt, aber wohl brauchbar.

Sicher ist bisher nur: In den letzten Minuten vor dem Zerschellen verlor das Flugzeug dramatisch an Höhe - fast 10 000 Meter sank der Airbus A320 in wenigen Minuten in die Tiefe. Mitarbeiter der französischen Flugüberwachung bemühten sich vergeblich um Funkkontakt. Anwohner haben den rapiden Sinkflug gesehen. Einer sagt im Fernsehen: «Ich wusste gleich, dass das nicht gutgehen kann bei den hohen Bergen!»

Sofort nach dem Unglück haben viele Bewohner der dünn besiedelten Region ihre Hilfe angeboten. Ghislaine Payanne aus dem Nachbardorf Selonnet ist so einer. «Ich habe in der Verwaltung angeboten, zwei Familien von Angehörigen aufzunehmen», sagt er. «Wir möchten gerne den verzweifelten Menschen beistehen, die jetzt aus Deutschland an diesen Ort der Tragöde kommen.»

72 Deutsche sollen nach neuestem Stand an Bord gewesen sein. Aber die Passagierliste ist auch ein Spiegel der globalisierten Welt: Spanier und Briten flogen mit, ebenso wie Menschen aus Dänemark, Australien, Israel, Mexiko, Kolumbien, Argentinien, Japan und den Niederlanden. «Wir sind in der Trauer miteinander vereint», sagt Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Am Nachmittag spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), eingepackt in einen dicken schwarzen Mantel, mit Hilfskräften in der Absturzregion. Mit ihr sind der französische Präsident François Hollande und der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy. Die Bergung der Opfer und der Trümmer ist extrem schwierig und wird Wochen dauern.

Bei Germanwings haben manche Beschäftigte Freunde verloren. «Unfit to fly» - flugunfähig - meldeten sie sich am Mittwoch. «Wir sind eine kleine Familie, jeder kennt jeden», sagt Germanwings-Chef Thomas Winkelmann. Nach einem solchen Unglück stellt sich natürlich jeder Pilot die Frage: «Kann mir das auch passieren?»

Um das zu beantworten, müsse aber die Ursache klar sein, sagt Markus Wahl von der Vereinigung Cockpit. «Die Frage nach dem Warum ist die wichtigste Frage.» Auch viele Reisende fragen sich: «Kann sich das wiederholen? Soll ich da noch einsteigen?»

Viele Menschen wollen Anteil nehmen und bekunden das im Netz. Prompt gibt es Debatten: Ist es nun gut oder heuchlerisch, «R.I.P.» (Rest in peace - Ruhe in Frieden) zu posten? «Jeder weiß, wie man sich auf einer Beerdigung verhält», meint der Blogger Sascha Lobo, «aber es ist noch kein Konsens vorhanden, was es bedeutet, wenn soeben der fürchterliche Tod von 150 Menschen bekannt wird.»

Schulleiter Wessel wird an diesem Tag auch gefragt, ob der internationale Schüleraustausch an seinem Gymnasium denn nun weiter gehen wird. Er wisse nicht, wie es weitergehe, sagt er. Er habe letzte Woche 16 glückliche Schüler und zwei junge Lehrerinnen auf eine Reise geschickt, und jetzt gebe es sie nicht mehr. «Ich weiß nicht einmal, wie ich den nächsten Tag überstehen soll.»