Das Pop-Phänomen Miley Cyrus

Miley Cyrus ist wie «Tutti Frutti». Die Älteren werden sich erinnern: «Tutti Frutti» war eine TV-Spielshow Anfang der 1990er Jahre mit dem Ziel, soviel nackte Haut von Stripperinnen wie möglich zum Vorschein zu bringen.

Das Pop-Phänomen Miley Cyrus
Jens Kalaene Das Pop-Phänomen Miley Cyrus

Dieser gewagte Vergleich zwischen Cyrus und der Quatsch-Sendung kommt Moderator Markus Lanz in den Sinn, als sich das US-Popsternchen in knappem Erdbeerkostüm auf sein «Wetten, dass..?»-Sofa niederlässt.

Die mittlerweile 21-Jährige macht selbst gestandene Moderatoren wie ihn nervös. «Ist es der Versuch dieses alte Image loszuwerden? Einzureißen? Wrecking Ball? Abrissbirne?», stochert Lanz im Wortsalat. Er will wissen, ob es eine Idee hinter den Provokationen und der Verwandlung von «Smiley Miley» zum sexy Vamp gibt.

Cyrus kennt man auch durchaus in anderen Rollen. Früher spielte sie die anständige Serienfigur «Hannah Montana» aus dem Hause Disney: mit langen braunen Haaren und süßem Lächeln. 2013 aber sollte Schluss mit diesem Bild sein.

Ihre diesjährigen Auftritte haben fast alle das Potenzial zu einem kleinen Skandälchen. Da ist der umstrittene Unterwäsche-Tanz bei einer Musik-Gala in New York. Oder die Verleihung der MTV Europe Music Awards in Amsterdam, bei der sie sich genussvoll einen Joint auf offener Bühne ansteckt.

«Ich wollte nur ehrlich sein und zeigen, wer ich eigentlich jetzt bin.» Sätze wie dieser sind immer wieder von Cyrus zu hören, wenn sie auf ihr Benehmen angesprochen wird. Sind es wirklich nur die Herausforderungen einer Heranwachsenden im Scheinwerferlicht? Oder ist es nicht auch eine ausgeklügelte PR-Masche, um den ehemaligen Kinderstar jenseits der Teenager-Fangemeinde interessant zu machen?

Die weltweiten Auftritte, bei denen Cyrus über den roten Teppich flaniert, haben natürlich ein Ziel: den Absatz ihres Albums «Bangerz» zu steigern. Die im Oktober erschienene Platte hält durchaus einige Hits parat. Das britische Musikmagazin «Fact» bescheinigt ihr «more bangers than clangers» - also «mehr Knaller als Fehltritte».

Wann immer ihr ein Mikrofon in die Hand gedrückt wird, singt Cyrus ihren emotionalen Hit «Wrecking Ball». Und jedes Mal, wenn sie ihn anstimmt, ruft sie den aufsehenerregenden Videoclip in Erinnerung, in dem sie nackt auf einer Abrissbirne schaukelt und lasziv an einem Vorschlaghammer leckt. Sowieso: immer wieder diese Zunge. Sie ist mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden.

Das Pop-Jahr 2013 ist geprägt von dem Phänomen Miley Cyrus. Fast schade, dass ihre Musik dabei kaum eine Rolle spielt. Die Diskussionen drehen sich fast ausschließlich um ihr Äußeres, um die blondierte Undercut-Frisur, die sexy Outfits, die Tattoos - oder auch um ihre perfekten Augenbrauen. Meist dreht sich alles um dieselben Fragen: Wann kommt der nächste Skandal? Mit wem bandelt sie nach der Trennung vom Dauerverlobten Liam Hemsworth an? Ist sie jetzt mehr Britney Spears oder mehr Lady Gaga?

Nächstes Jahr geht Cyrus erst einmal auf große Nordamerika-Tour. Ob sie weiterhin die Klatschspalten füllt, wird davon abhängen, wie sehr sie noch an ihrem öffentlichen Image feilen will. Nach dem «Wetten, dass..?»-Besuch kommt Markus Lanz zu dem Schluss: «Eine sehr bodenständige, junge Frau (...) und so ganz anders, als man das möglicherweise erwarten konnte.» Wenn eine reale Person auf ihre eigene Schlagzeile trifft, hat das eben manchmal etwas Verstörendes.